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Der wilde Dschungel der Kooperation
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Maintainer: Stefan Meretz, Version 2, 14.11.2001  Druckversion
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[Alle Kommentare ausblenden] (1) Christoph Spehr hat eine postmoderne große Erzählung vorgelegt, eine Theorie der Freien Kooperation. Noch vor einigen Jahre hätte ich seinen Text schnell beiseite gelegt: zu unscharfe Begriffe, zu unanalytisch, zu unökonomisch. Heute erkenne ich, dass diese Schwäche auch seine Stärke ist, denn der Text vermag Menschen anzusprechen, die eher scharfe, analytische und ökonomisch begründete Texte beiseite legen. Er spricht auch mich an, denn ich bin das nicht, was ich als Form der Erkenntnis bevorzuge.

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Wir reden über die gleiche Welt in unterschiedlichen Sprachen. Diese Sprachen vermögen je unterschiedliche Dinge besonders und andere weniger gut sichtbar zu machen. Sie sind potenziell transformierbar, sicherlich in Grenzen. Hätte ich früher die Unterschiede und Defizite hervorgehoben, um die Schärfe und Stärke meiner eigenen Sprachwelt hervorzuheben, so kann ich heute die Gemeinsamkeiten herausholen und dadurch ein gemeinsames Lernen einleiten. Wenigstens bei mir. Mir wird dabei klar, dass der alte, abgrenzende Modus strukturell dem Modus der warenproduzierenden Gesellschaft entspricht, in der sich der Einzelne stets auf Kosten anderer behauptet. Ein integrierender Modus hingegen guckt erst einmal auf die gemeinsame Schnittmenge, Er erfordert viel mehr Anstrengung, die Übersetzung zu leisten, weil beim Übersetzen das eigene Gedachte in einer anderen Weise herausgefordert wird, als in der bloße Abgrenzung. Von dort aus werden auch die Unterschiede und Defizite wesentlich deutlicher. Das ist der Modus einer Freien Gesellschaft, in der die Entfaltung des Anderen die Voraussetzung für je meine Entfaltung ist. Dazu später mehr. Zunächst ein wenig »Übersetzung«.

Kooperation

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Der Begriff »Kooperation« darf nicht normativ verstanden werden. Kooperation ist weder gut noch schlecht, Kooperation ist Kooperation. Was ist aber Kooperation? Kooperation ist eine bestimmte Form interpersonaler Aktivität. Nicht jede interpersonale Aktivität ist Kooperation (z.B. Sexualität). Kooperation nutzt und bezieht sich auf gesellschaftlich geschaffene Mittel und Strukturen. Beispiele: zusammen Abwaschen, zur Schule gehen, lohnarbeiten gehen, alle uns knechtenden Verhältnisse umstürzen. Die Reichweite solcher Kooperationen ist unterschiedlich. Wo in (der Theorie der) Freien Kooperation Aufzählungen stehen - von der Beziehung zwischen Zweien bis zur gesamten Gesellschaft -, dort bringe ich eine qualitative Differenzierung an. Nicht alle Kooperationen sind selbstähnlich. Ich will deutlich machen, dass ich im Nichterkennen der qualitativen Unterschiede von personalen Kooperationen und der gesamtgesellschaftlichen Kooperation in der Theorie der Freien Kooperation den wesentlichen blinden Fleck erblicke.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Die Freie Kooperation wendet sich zurecht gegen die verbreitete Vorstellung, Gesellschaft sei komplex, während eine Kooperation in kleinem Rahmen einfach sei. Jede Kooperation hat die ihr eigene Komplexität, danach kann man die unmittelbare Kooperation in der Küche und gesamtgesellschaftliche Kooperation in der Tat nicht unterscheiden. Daraus aber abzuleiten, alle Kooperationen seien im Sinne der Selbstähnlichkeit prinzipiell nicht unterschiedlich, ist kurzschlüssig. Den Unterschied zwischen personaler und gesamtgesellschaftlicher Kooperation versteht man, wenn man versteht, was Gesellschaft ist.

Gesellschaft als Kooperation

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Menschen reproduzieren sich, in dem sie Stoffwechsel mit der äußeren Natur betreiben. Das tun Tiere auch. Doch im Unterschied zu Tieren geschieht der Stoffwechsel nicht unmittelbar, sondern vermittelt. Unmittelbar meint hier die Abwesenheit einer überdauernden, außerhalb der jeweiligen Individuen bestehenden Instanz, die für den Stoffwechsel genutzt wird: Tier - Umwelt. Vermittelt meint demgegenüber die Anwesenheit einer solchen Instanz: Mensch - Gesellschaft - Welt. Zwischen den individuellen Menschen und die Welt schiebt sich die Gesellschaft als Ebene, die allgegenwärtig ist. Sie ist zwar konkret präsent - etwa als gesellschaftliches Produkt »Buch« - und doch abstrakt: Niemand kann sie anfassen. Deswegen entgleitet sie dem Denken leicht. Sie muss aktiv in der Erkenntnis reproduziert, erkannt werden.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Folgende Aspekte von Gesellschaft, die gleichzeitig gelten, sind wichtig:

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Die Gesellschaft ist demnach ein besonderer kooperativer Zusammenhang, der sich von anderen Kooperationen unterscheidet. Es ist der abstrakte Zusammenhang, in dem sich die konkreten kooperativen Zusammenschlüsse der Menschen bewegen. Oder wie Klaus Holzkamp es formuliert: »Wir müssen unterscheiden zwischen gesamtgesellschaftlicher Kooperation als Wesensbestimmung der menschlichen Lebensgewinnungsform überhaupt und Kooperationen auf Handlungsebene als interpersonalem Prozess zwischen Individuen.« (1983, 325)

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Es ist u.U. verwirrend, dass beides, der personale Zusammenschluss und der übergreifende und überdauernde Zusammenhang, als »Kooperation« bezeichnet werden. Wenn ich den Begriff der gesamtgesellschaftlichen Kooperation verwende, dann meine ich diesen abstrakten und sich eigengesetzlich reproduzierenden Zusammenhang der Gesellschaft. Demgegenüber bezeichne ich die konkreten personalen Zusammenschlüsse als personale Kooperationen oder schlicht auch nur als Kooperationen. Erkenntnistheoretisch handelt es sich hier folglich um zwei unterschiedliche analytische Bezugsebenen: um die gesellschaftstheoretische und die individualtheoretische Ebene.

Gesamtgesellschaftliche Kooperation

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Die gesamtgesellschaftliche Kooperation ist überindividuell andauernd. Sie ist nicht verhandelbar. Sie kann nicht verlassen werden, die je individuelle Beteiligung unterscheidet sich nur in ihrem Vermittlungsgrad. Der individuelle Ausstieg ist identisch mit dem Ende der eigenen Existenz - ein einseitiger, hoher »Preis«. Dies gilt genauso, wenn ich an die Stelle der Individuen personale Kooperationen setze. Das Ende gesamtgesellschaftlicher Kooperation ist identisch mit dem Ende der Menschheit.

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Die Unverhandelbarkeit gesamtgesellschaftlicher Kooperation hat für den Einzelnen einen eminenten Vorteil. Da sie überindividuell und überdauernd besteht, wird meine Existenz auch dann miterhalten, wenn ich mich an der gesamtgesellschaftlichen Kooperation nicht beteilige. Diese allgemeine Aussage ist nicht zu verwechseln mit dem konkreten, tausendfach realen Existenzentzug. Der Existenzentzug ist keine Eigenschaft gesamtgesellschaftlicher Kooperation überhaupt, sondern Ausfluss historisch konkreter gesellschaftlicher Kooperationsformen. Aus der prinzipiellen Eigenschaft, die je eigene Existenz bedingungsunabhängig erhalten zu können, leitet sich die grundsätzliche Möglichkeit ab, eine gesellschaftliche Form zu finden, in der die grundsätzliche Potenz gesellschaftlicher Kooperation auch konkret und für jeden Einzelnen wirksam entfaltet wird. Die Entfaltung aller Menschen ist also keine bloß utopische Idee, sondern genuine Potenz gesamtgesellschaftlicher Kooperation.

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Mir ist hier folgendes wichtig: Durch die Entkopplung eigener Existenz von der Beteiligung an gesamtgesellschaftlicher Kooperation verfügt der Mensch über eine unhintergehbare Möglichkeitsbeziehung zur Realität. Sein Handeln ist nicht festgelegt, er bewegt sich stets in Möglichkeitsräumen. Der Mensch kann Wollen. Das gilt auch für personale Kooperationen. Der Möglichkeitsraum wird ganz entscheidend durch die jeweilige gesellschaftliche Form bestimmt. Sie bildet das Medium, in dem wir uns bewegen: handelnd, denkend, fühlend. Dieses Medium nicht zu thematisieren in einer Theorie vom Handeln der Menschen, ist in etwa so blindfleckig wie über das Schwimmen zu theoretisieren, ohne über das Wasser zu sprechen. Die gesamtgesellschaftliche Kooperation ist das Wasser, in dem die personalen Kooperationen schwimmen - so sie das Schwimmen gelernt haben. Die Theorie der Freien Kooperation kann eine Theorie vom Schwimmen-lernen werden.

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Die Stärke der Theorie der Freien Kooperation ist, dass sie sich mit einem blinden Fleck anderer emanzipatorischer Theorien sehr ausführlich befasst: Sie spricht über die Sphäre des gesellschaftlich vermittelten Handelns, über den so schwierig thematisierbaren Vermittlungsraum zwischen dem Einzelnen, dem Individuum, und dem großen Ganzen, der Gesellschaft. Sie diskutiert den je konkreten Möglichkeitsraum, also all die Handlungsmöglichkeiten, über die ich verfüge auch ohne eine befreite Gesellschaft vorauszusetzen. Sie spielt heute und verweist nicht auf ein imaginiertes Morgen. Sie ist dabei weder normativ (»du sollst...«) noch moralisierend (»sei ein guter Mensch...«), sondern sie spricht über den Alltag, den ganz persönlichen und den emanzipatorischer Bewegung. Sie würde jedoch ein Mehr an Kraft gewinnen, redete sie auch über das Wasser, in dem sie schwimmt.

Der kybernetische Dschungel der Warenproduktion

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Die heutige gesamtgesellschaftliche Kooperation hat die Form einer Warenproduktion - auch bekannt unter dem Namen »Kapitalismus«. Das ist ein ziemlich hinterhältiges Konstrukt. Obwohl »eigentlich« die gesellschaftliche Kooperation jedem die Möglichkeit der freien Entfaltung bieten könnte, geschieht Entfaltung in der Warenproduktion auf Kosten Anderer. Ursache und Antrieb ist kein böser Wille, obwohl selbiger nicht selten auftritt, sondern ist die spezifische Eigengesetzlichkeit der Warenproduktion. Das Win-Loose-Prinzip ist dieser gesellschaftlichen Kooperationsform eingeschrieben. Das fiese ist: weil ich mein Leben nur vermittels dieser Kooperationsform erhalten kann, muss ich sie gleichzeitig reproduzieren: »Wir nehmen unser Gefängnis überall hin mit, wohin wir auch gehen, in jedes konkrete Verhältnis. Und das Ausmaß, in dem wir in Wirklichkeit versklavt sind, ist weit totaler als das jeder antiken oder bürgerlichen Sklavenhaltergesellschaft vor uns« (S. 16).

[Alle Kommentare ausblenden] (14) Produkte werden im Kapitalismus als Wertdinge hergestellt, denn im Tausch interessiert nicht ihre konkrete Sinnlichkeit, sondern nur ihr Wertsein. Das produktive Tun nimmt folglich die Gestalt abstrakter Arbeit an. Ware, Wert, Geld, Arbeit sind unsinnliche Abstrakta, die sich selbst organisierend bewegen, wobei jede Bewegungsrunde auf erweitertem Niveau stattfinden muss. Die Arbeitenden, gleich, ob als Funktionäre der Wert-Selbstbewegung oder als Verkäufer ihrer Arbeitskraft, exekutieren die unerbittliche Eigenlogik dieser Form gesellschaftlicher Kooperation in der Konkurrenz. Die Eigengesetzlichkeit ist nicht verhandelbar, und ob ich rausgehe, ist zwar meine Wahl, einen Einfluss auf die Gesetze der Kooperationsform habe ich damit jedoch nicht. Die Logik ist: Ich behaupte mich nur dann, wenn sich andere nicht behaupten. Meine Durchsetzung erfolgt notwendig auf Kosten Anderer. Das gilt für Einzelne wie für personale Kooperationen. Was uns heute als Win-Win-Kooperationen präsentiert werden, sind in Wahrheit Win-Win-Loose Verhältnisse: Es gibt kann nicht nur Gewinner geben, es gibt immer auch Verlierer.

[Alle Kommentare ausblenden] (15) Es ist der klassische Fall einer erzwungenen personalen Kooperation: »Herrschaft ist erzwungene soziale Kooperation. Die Kooperation ist erzwungen, weil die eine Seite sich nicht aus ihr lösen kann, weil sie nicht darüber bestimmen kann, was sie einbringt und unter welchen Bedingungen, weil sie keinen oder nur geringen Einfluss auf die Regeln der Kooperation hat.« (S. 16) Nur leider kann ich der gesamtgesellschaftlichen Zwangskooperation nicht entkommen. Es fehlt gewissermaßen der Adressat meines Widerstands: Der Ober-Erzwinger, der Meta-Herrscher, ist keine Person, sondern eine sich selbst reproduzierende und totalisierende »kybernetische Maschine« - und mit »Maschinen« ist schlecht zu verhandeln.

[Alle Kommentare ausblenden] (16) Im kybernetischen Dschungel der Warenproduktion ist der wilde Dschungel der Freien Kooperation am Ende angelangt, weil es um die Wurst geht. Wie in keiner anderen historischen gesellschaftlichen Kooperationsform, ist hier die je individuelle Reproduktion mit der Reproduktion der totalitären Warenproduktion verkoppelt. Wenn ich »drin« bin, muss ich die Logik denkend und handelnd reproduzieren - oder ich bleibe nicht länger »drin«. Die Logik rückt mir auf den Pelz, ich muss sie alltäglich nachvollziehen, mitdenken, erfühlen, ausführen. Sich auch nur denkend dort hinauszubegeben, ist schon ein heroischer Widerstandsakt. Viele verzweifeln vorher oder werden zynisch.

[Alle Kommentare ausblenden] (17) Dennoch: Das Hinausbegeben ist möglich, teilweise, schrittweise, nicht nur denkend, sondern auch fühlend und handelnd. Es geht darum, die Möglichkeiten aufzumachen, um die je eigene und die gemeinsame Handlungsfähigkeit zu erweitern - auch unterhalb der kompletten Änderung des totalitären Zusammenhangs kybernetischer Warenproduktion. Die Freie Kooperation stärkt einem dabei den Rücken.

Allgemein- und Partialinteressen

[Alle Kommentare ausblenden] (18) Die Freie Kooperation beginnt hier und heute. Eine Kooperation muss sich jetzt als besser erweisen, es muss sich in und mit ihr besser leben als ohne sie, es muss sich »lohnen«: »Unter Gleichen definieren wir 'es lohnt sich' als: 'Diese Kooperation ist besser für mich als wenn ich sie nicht hätte'. Wir definieren 'es lohnt sich' nicht als: 'Diese Kooperation lohnt sich, weil ich dir weniger gebe als du mir'« (S. 14). Dennoch handelt es sich nicht einen »Tausch«, der etwa »gerecht« sein solle. Darum geht es nicht. Es geht nur darum, dass die Kooperation so beschaffen ist, dass sich niemand auf je meine Kosten durchsetzt. Ob das gelingt, ist Sache der Kooperation und der Vereinbarungen in ihr.

[Alle Kommentare ausblenden] (19) Freie Kooperationen basieren auf gemeinsamen Eigeninteressen, während erzwungene Kooperationen in Partialinteressen gründen. Die Gemeinsamkeit in einer freien Kooperation entsteht nicht dadurch, dass alle die gleichen Interessen verfolgen, sondern dadurch, dass sich die je eigenen Interessen in der Kooperation bewegen und entfalten lassen. Nicht die Übereinstimmung ist wichtig, sondern die Bewegung in der Unterschiedlichkeit. Damit das geht, müssen die 3 Kriterien freier Kooperationen erfüllt sein: »In einer freien Kooperation kann über alles verhandelt werden; es dürfen alle verhandeln; und es können alle verhandeln, weil sie es sich in ähnlicher Weise leisten können, ihren Einsatz in Frage zu stellen.« (S. 22).

[Alle Kommentare ausblenden] (20) Die beiden Bewegungsmodi personaler kooperativer Zusammenschlüsse lassen sich noch schärfer formulieren: Freie Kooperationen sind solche, in denen die Entfaltung des Einzelnen die Entfaltung der Anderen erfordert. Erzwungene Kooperationen sind solche, in der Durchsetzung des Einzelnen auf Kosten der Anderen funktioniert. Auch dies ist wieder nicht normativ oder statisch zu verstehen, sondern als Grundtendenz ihrer jeweiligen Entwicklung. Die Theorie der Freien Kooperation als Theorie von der Überführung erzwungener in freie Kooperationen würde an Klarheit gewinnen, formulierte sie den hier zugespitzten Unterschied explizit.

[Alle Kommentare ausblenden] (21) Ich will es noch ein Schritt weiterdenken: In erzwungenen Kooperationen werde ich mir selbst zum Feinde, denn der Andere bin ich, und das Durchsetzen-auf-Kosten-Anderer ist immer reziprok ein Durchsetzen auf meine Kosten. Das ist eine mögliche Erkenntnis, die ich in erzwungenen Kooperationen nicht zulassen kann, die ich personalisierend auf Andere schieben und verdrängen muss. Mit der Freien Kooperation als Alternative werden Handlungsoptionen sichtbar: Welche Regeln und Bedingungen kann, will und muss ich ändern, damit ich mich entfalten kann? Denn die Bedingungen sind es, die mir Entfaltung ermöglichen oder nicht. Welche Ausstiegssicherheit brauche ich, um Vertrauen in die Stabilität der Kooperation zu gewinnen? Denn nur die Kooperation, die ich ohne Beschädigung verlassen kann, will ich erhalten. Die Freie Kooperation lenkt den Blick auf Situationen und nicht auf Personen. Es ist eine Ermöglichungs- und keine Verhinderungsperspektive.

Die Grenzen der Freien Kooperation

[Alle Kommentare ausblenden] (22) Die Theorie der Freien Kooperation beginnt heute. Weil sie das tut, bewegt sie sich notwendig in den Formen, die heute möglich sind. Sie greift zu Mitteln, die in dieser Gesellschaft funktionieren: Verhandlungen, Drohungen, Verweigerungen. Sie verwendet diese Mittel jedoch nicht, um eine Organisation im vorgeblichen Gesamtinteresse »stark zu machen«, sondern ihre Perspektive ist die des Individuums: Wie kann der Einzelne ermächtigt werden, zur Geltung zu kommen, wie kann er oder sie wieder »jemand sein« - »to be someone« - oder um es mit den Erfahrungen der Freien Software zu formulieren: Wie kann ich mich selbst entfalten? (vgl. dazu das Projekt Oekonux).

[Alle Kommentare ausblenden] (23) Was die Gewerkschaft für das Kollektiv der abhängig Beschäftigten, ist die Freie Kooperation für den individuellen Menschen. Die warenproduzierende Gesellschaft, der übergreifende, unsere Freiheit verhindernde Zusammenhang, wird nicht überschritten. Es geht »nur« darum, den Einzelnen hier und heute handlungsfähiger zu machen, ihm oder ihr den Rücken zu stärken. Aber das ist unter den heutigen Bedingungen schon viel.

[Alle Kommentare ausblenden] (24) Will die Freie Kooperation noch ein Mehr an revolutionärer Potenz gewinnen, will sie dem Vertrauen auf einen Prozess noch Ideen für einen Weg hinzufügen, muss sich sie die warenproduzierende Gesellschaft als unhintergehbare gesamtgesellschaftliche Zwangskooperation erkennen und gedanklich überschreiten. Der »freie Prozess« wäre sonst im Zweifel nur die Wiederholung des ewig Gleichen mit den postmodernen Mitteln der Freien Kooperation. Viele Fundamental-Kritiken betonen zurecht diesen Punkt.

[Alle Kommentare ausblenden] (25) Die entscheidende Grenze - praktisch wie in der Theorie - ist die gesamtgesellschaftliche Kooperation in warenproduzierender Form, die als solche nicht in eine gesamtgesellschaftliche freie Kooperation überführbar ist. Sie ist nur als Ganzes aufhebbar, denn ihre Regeln sind nicht Ergebnis einer Verhandlung, sondern setzen sich gleichsam als zweite Natur hinter dem Rücken der Beteiligten durch. Die Tatsache des »hinter-dem-Rücken-Durchsetzens« muss als Ganzes zur Disposition gestellt werden. Eine gesamtgesellschaftliche freie Kooperation, eine freie Gesellschaft, wirft noch ganz andere Fragen auf, als dies personale Kooperationen unterhalb der gesamtgesellschaftlichen Ebene tun.

Der wilde Dschungel der Freiheit

[Alle Kommentare ausblenden] (26) Die auf der Warenform basierende gesamtgesellschaftliche Kooperation, dieser sich selbst regulierende und reproduzierende und alles beherrschende Mechanismus, leistet in jedem Fall eines: Er vermittelt. Er stellt ein Medium bereit, in dem wir uns und den vermittelnden Zusammenhang dieser Form reproduzieren. Diese Form der Vergesellschaftung, so erzwungen und alles verschlingend sie auch sein mag, hat - wie jede überdauernde Vermittlungsform - eine individuell entlastende Funktion. Es ist gut, wenn sich Dinge auch ohne mein Mitdenken und Mitmachen hinter meinem Rücken fügen. Fatal an der »unsichtbaren Hand des Marktes« ist, dass sie Resultat eines entfremdeten, inhumanen Verwertungsprozesses ist, dass die Verwertung nur ihrer eigenen Logik, aber nicht meinen Bedürfnissen genügt.

[Alle Kommentare ausblenden] (27) Die Warenform der gesellschaftlichen Kooperation aufzuheben, bedeutet Zerstörung und Bewahrung gleichzeitig. Zerstört werden muss die »subjektlose Herrschaft« der kybernetischen Verwertungsmaschine. Bewahrt werden muss die Funktion der entlastenden Vermittlung. Das ist »eigentlich« selbstverständlich, denn wie ich vorher darstellte, ist das ein Kennzeichen von Gesellschaft überhaupt. Dennoch ist es notwendig, sich das Selbstverständliche immer wieder klar zu machen, um die zunächst theoretisch zu beantwortende Frage klar formulieren zu können: Wie muss ein gesellschaftlicher Vermittlungsmechanismus beschaffen sein, der einerseits individuell entlastend, also selbstorganisierend ist, andererseits aber von den Menschen nach ihren Kriterien, Regeln und Bedürfnissen gesteuert wird?

[Alle Kommentare ausblenden] (28) Diese Frage liest sich auf den ersten Blick wie ein nicht aufzulösender Widerspruch. Ist es nicht so, dass nur eine umfassende Kontrolle (gar durch je mich) gewährleistet, dass die Kriterien gesellschaftlicher Kooperation im Interesse der Menschen (also von je mir) erfüllt werden? Ist also gesamtgesellschaftliche Planung und zentrale Steuerung unumgehbar? - Nein, das hat sich nicht nur als real gewesenes Experiment erledigt, sondern es widerspricht auch fundamental den Prinzipien freier Kooperation: Jede zentrale Planung und Steuerung schafft sakrosankte Regeln, bedeutet Herumpfuschen in je meinem Leben.

[Alle Kommentare ausblenden] (29) Ist es aber andererseits nicht so, dass jeder »sich selbstorganisierende Mechanismus«, sich irgendwann stets gegen die Menschen verselbstständigt? - Nein, das ist ein Kurzschluss. Das gilt nur für erzwungene Kooperationen, insbesondere natürlich für die der »subjektlosen Herrschaft« der warenproduzierenden Gesellschaft. Das gilt nicht für freie Kooperationen. Ich will zeigen, dass gerade hier die systemsprengende Kraft der Theorie Freier Kooperation liegen kann: Sie ermöglicht es, eine Vergesellschaftung jenseits von Ware, Wert, Geld, Markt und Staat zu denken.

Die freie Gesellschaft als freie gesamtgesellschaftliche Kooperation

[Alle Kommentare ausblenden] (30) Ich hatte dargestellt, dass die Freie Kooperation auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene an eine unverhandelbare Grenze stößt. Im Kapitalismus ist dies die subjekt- und endlose Verwertung des Werts, die den »selbstreproduktiven Kern« der warenproduzierenden Gesellschaft ausmacht. Auch in einer freien Gesellschaft wird es - wie in jeder Gesellschaft - einen solchen »selbstreproduktiven Kern« geben, nur wird seine Dynamik anders beschaffen sein. Die Fragen lauten nun also: Was kann ein solcher »selbstreproduktiver Kern« sein? Wie ist dann das Verhältnis der personalen Kooperationen zur dieser gesamtgesellschaftlichen Kooperation beschaffen?

[Alle Kommentare ausblenden] (31) Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass durchaus auch personal-konkrete Vergesellschaftungsformen eine solche Dynamik konstituieren können. So war die »naturale Epoche« vor der Dominanz der warenproduzierenden Gesellschaften durch personale Abhängigkeitsverhältnisse bestimmt. Die Gesellschaft reproduzierte sich und ihre Herrschaftsformen über diese personalen Abhängigkeitsgeflechte. Diese waren durchaus sehr unterschiedlicher Gestalt: Sklaven/Sklavenhalter, Leibeigene/Feudale, Freie/Bürger etc. Davon unterscheidet sich qualitativ die Epoche abstrakter, »subjektloser Herrschaft« warenproduzierender Gesellschaften wie ich sie vorher beschrieben habe.

[Alle Kommentare ausblenden] (32) Gewalt spielte in all diesen Formen der Vergesellschaftung eine zentrale »Vermittlungsrolle«, wobei die »Gewalt des Sachzwangs« z.B. der Märkte ungleich schwerer zu bekämpfen ist, als die Unterdrückung durch sinnlich erfahrbare Personen. So ist es kein Zufall, dass die personifizierende »Schuldzuweisung« mit all seinen rassistischen und auch antisemitischen Konnotationen in Gesellschaften »subjektloser Herrschaft« der gängige Modus der Konfliktaustragung ist.

[Alle Kommentare ausblenden] (33) Für eine freie Gesellschaft ziehe ich daraus folgende Schlüsse:

[Alle Kommentare ausblenden] (34) Welche konkrete Ausprägungsform die Kooperationen haben, wie groß sie sind, wie sie ihre interne Struktur bilden, welche Regeln sie sich geben, wie sie sich mit anderen vernetzen - all das ist Sache der Kooperationen und der in ihnen tätigen Menschen. Die drei Prinzipien freier Kooperationen kommen erst in einer freien Gesellschaft voll zum Tragen, da erst hier die individuelle Existenz bedingungslos, also ohne Kopplung an eine zu erbringende Leistung erhalten wird. Erst dadurch wird die je individuelle Entfaltung auch angstfrei möglich, erst dadurch können die je individuellen Potenzen zum Tragen kommen, erst dadurch gewinnen Konflikte ihre Eigenschaft als Anstoß zu neuen Entwicklungen zurück.

[Alle Kommentare ausblenden] (35) »Wir brauchen keine utopische Gesellschaft, um damit anfangen zu können. In gewissem Sinne ist es egal, wo wir anfangen. Die Frage ist nur, wie weit wir gehen.« (S. 40) - und wo wir lang gehen!

Literatur

[Alle Kommentare ausblenden] (36) Gruppe Gegenbilder (2000), Freie Menschen in freien Vereinbarungen, Saasen: Eigenverlag. Internet: www.opentheory.org/gegenbilder

[Alle Kommentare ausblenden] (37) Holzkamp, Klaus (1993), Grundlegung der Psychologie, Frankfurt/M.: Campus.

[Alle Kommentare ausblenden] (38) Projekt Oekonux, www.oekonux.de




Quelle: http://www.opentheory.org/dschungel/text.phtml
(Last Software Update: 06.01.2002, 21:20)