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Thesen zum Informationskapitalismus
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Maintainer: Benni Bärmann, Version 1, 16.01.2008  Druckversion
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Thesen zum Informationskapitalismus

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Ich arbeite gerade an einem längeren Text zum Informationskapitalismus. Das hier ist sozusagen eine erste Version davon, die sehr vorraussetzungsreich ist und wenig erklärt und zitiert. Es ist also eher eine Diskussionsgrundlage, bei der Kenntnis der Quellen vorausgesetzt wird. Das soll aber niemanden von der Diskussion ausschliessen. Wenn irgendetwas unklar ist,also bitte einfach nachfragen.

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Das Problem des Informationskapitalismus und seiner Beschreibung durch eine Arbeitswerttheorie scheint zunächst nur ein Problem mit massenhaft verbreiteten digitalen Informationsgütern (mvdI) zu sein. Diese werden einmal produziert und beliebig oft kopiert. Wieviel sind sie also wert? Ist die Produktion solcher Güter wertproduktiv im Marxschen Sinne? Folgende Antworten sind im Umlauf:

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Sabine Nuss sagt in ihrem Buch "Copyright und Copyriot", dass Güter in die Verwertungskette integriert werden, sobald ihr Status als kapitalistisches Eigentum gewährleistet wird. Der Wert von solchen Gütern ergibt sich also aus einem Akt "ursprünglicher Akkumulation" (Marx). Die Arbeitswerttheorie gilt hier also erst in einem zweiten Schritt, nach Wieder-Eingliederung in die kapitalistische Produktionsweise.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Stefan Meretz und Ernst Lohoff sagen, mvdI sind Universalgüter und ihre Herstellung deswegen genuin wertunproduktiv. Man kann nur über Repression Kaufgüter draus machen und dann Wert aus anderen Bereichen der Produktion als Informationsrente aquirieren. Die Arbeitswerttheorie gilt hier also für mvdI garnicht mehr.

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Christian Siefkes und Holger Weiß sagen: Die Arbeitswerttheorie gilt ganz normal weiter, die Arbeit geht halt weiterhin anteilig ein, also bei mvdI in infintesimal kleinen Portiönchen.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Die Postoperaisten sagen, dass die Arbeitswerttheorie gesamtgesellschaftlich nicht mehr gilt, weil die Arbeitszeit bei einer hegemonialen Stellung "immaterieller Arbeit" nicht mehr als Wertmaß herhalten kann, weswegen in der "immateriellen Arbeit" bereits das Potential des Kommunismus aufscheint.

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Ich meine, sie haben alle Recht obwohl natürlich auf dieser Ebene da eine Vielfalt von Widersprüchen zu sein scheint. Deswegen gehen wir mal einen Schritt zurück und hoffen, dass sich dann einige der Widersprüche auflösen.

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Der Grund, dass mvdI quasi kostenlos kopiert werden können ist, dass die dafür nötige Infrastruktur (Computer, Internet, Telekommunikation, ...) quasi kostenlos ist. Und der Grund, dass diese quasi kostenlos ist, ist die mikroelektronische Revolution.

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Die mikroelektronische Revolution erklärt sich am Besten über die Gültigkeit des "Moorschen Gesetzes". Dieses ist kein technologisches sondern ein ökonomisches Gesetz. Es besagt, dass sich ein bestimmter Aspekt des Gebrauchswerts von Mikroelektronik - nämlich die Anzahl Transistoren pro Fläche - alle zwei Jahre verdoppeln. Und das schon seit 50 Jahren. In der alten Geschichte der Reisparabel befinden wir uns also bereits mitten auf dem Brett auf dem 25. Feld. Der Kaiser von China stände wohl schon kurz vor der Pleite. Gebrauchswert allgemein ist natürlich keine quantifizierbare Größe, dennoch kann man bestimmte Aspekte des Gebrauchswerts von Gütern quantifizieren, das sind meist diejenigen, die sich auf der letzten Seite der Gebrauchsanweisung unter "technische Daten" finden lassen. Mit der Anzahl der Transistoren pro Fläche unterliegt ein Aspekt dem Mooreschen Gesetz, dass sehr viele andere Bereiche beeinflusst (Speicher, Übertragungsgeschwindigkeit, Rechenkapazität, ...). In der mikroelektonischen Revolution verdoppelt sich also ein wesentlicher Teil des Gebrauchswerts mikroelektronischer Güter alle zwei Jahre.

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Soweit erstmal nichts neues. Exponentielles Wachstum ist ja für den Kapitalismus nötig. Ohne exponentielles Wachstum kein Überleben in der Konkurrenz. Bisher bezog sich dieses Wachstum allerdings immer auf lange Sicht nur auf den Tauschwert. Es gab immer wieder einzelne Phasen in denen in einer bestimmten Branche oder auch einer ganzen Reihe von Branchen exponentielles Wachstum möglich war. Doch über kurz oder lang setzte immer eine Sättigung des Marktes ein und man geriet technologisch an Grenzen.

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Dieser Zusammenhang wurde in der umstrittenen These der Kontratjew-Zyklen versucht zu fassen. Danach entsteht im Kapitalismus nach einem Boom immer eine Sättigungsphase, diese löst neue technologische Innovationen aus und schließlich einen neuen Boom. Man interpretiert diese Zyklen falsch, wenn man sie als nur von Technologie getrieben interpretiert, wie es oft geschieht. Es handelt sich um ein Wechselspiel aus Technologie und Konjunktur, dass sich durch die Gesetze des Kapitalismus erklärt. Kondratjew war Marxist, das vergessen viele seiner heutigen Verfechter gerne. Umgekehrt ist es eine Fehlinterpretation dieser Zyklen, wenn man über ihre Gültigkeit anhand von Konjunkturdaten entscheidet. Natürlich haben sie Auswirkungen auf die Konjunktur, diese können aber in jedem Zyklus durchaus wieder ganz anders aussehen, weil sich die Rahmenbedingungen geändert haben. Entscheidender ist, dass sich die Produktivkräfte (und damit sind explizit nicht nur ihre technischen Aspekte gemeint) auf ein ganz neues Niveau heben. Ein neuer Kondradjew-Zyklus funktioniert nur zusammen mit neuen gesellschaftlichen Innovationen.

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Was passiert nun, wenn dieser Sättigungseffekt wegfällt, wie es zur Zeit mit der Mikroelektronik zu passieren scheint? Die kapitalistische Produktionsweise beginnt sich umzugruppieren rund um die eine Branche die als einzige in der Lage ist ihren Gebrauchswert über lange Zeit schneller zu steigern als das ja sowieso schon exponentielle Tauschwert-Wachstum des Kapitalismus in seinem historischen Durchschnitt.

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Warum das? Nun, man versetze sich in die Lage einer Firma in einer Branche, deren Gebrauchswertproduktivität langsamer wächst (was über kurz oder lang in den letzen 50 Jahren alle Branchen waren). Wenn man in der Lage ist Mikroelektronik in der eigenen Industrie anzuwenden um die Produktivität zu erhöhen, profitiert man von der dort enorm hohen Steigerung des Gebrauchswerts und hat damit einen Konkurrenzvorteil. Beispiele in den letzten Jahren sind Fotografie und Film. Und umgekehrt giert die Mikroelektronik geradezu nach neuen Anwendungsfeldern. Denn sie selbst hat ja ein enormes Problem: Sie müssen Moores Law erfüllen, wenn sie es nicht tun, tut es die Konkurrenz. Dazu sind immer höhere Ausgaben und Kapitalakkumulationen nötig (tatsächlich wachsen die nötigen Investitionskosten auch so schnell wie Moores Law). Die kann man nur erreichen, wenn man immer neue Anwendungsfälle für die Mikroelektronik findet, denn jede einzelne Anwendung hat ja meist schon nach einer kurzen Spanne exponentiellen Wachstums schon keinen Bedarf mehr an noch mehr Rechenpower. Zusätzlich gibt es noch einen Trend in den Branchen, die zu Anwendungsbranchen der Mikroelektronik werden, den Anteil an Mikroelektronik immer weiter zu erhöhen. So werden nach und nach ursprünglich eigenständige Branchen zu Teilen der Mikroelektronik oder die Logik der besonders starken exponentiellen Produktivitätssteigerung wird auf andere Weise verfolgt. Durch all diese Vorgänge wird ein immer größer werdender Teil der Produktion zu Mikroelektronik oder zumindestens etwas sehr ähnlichem. Im Ergebnis erhält also Moores Law Geltung in einem immer größeren Teil der Wirtschaft, was seine Chance auch weiterhin zu gelten immer weiter erhöht. In diesem Sinne ist Moores Law tatsächlich eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

[Alle Kommentare ausblenden] (14) Was könnte diese Entwicklung stoppen? Natürlich zunächst ein Erreichen physikalischer Grenzen. Erstaunlicherweise wird das bereits schon seit dem Beginn der Gültigkeit von Moores Law immer wieder prognostiziert. Die Situation zur Zeit ist so, wie sie immer war: Die nächsten zwei Verdopplungen sind mehr oder weniger absehbar gesichert, für die Zeit danach wird Grundlagenforschung betrieben. Da nun mit der Expansion von Moores Law immer mehr Kapital auch für diese Grundlagenforschung zur Verfügung steht sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht mehr erfüllt wird immer mehr, je länger Moores Law gilt. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht tatsächlich mal vorbei sein könnte, aber es sieht nicht wirklich danach aus.

[Alle Kommentare ausblenden] (15) Eine weitere Möglichkeit wäre es, dass sich keine weiteren Anwendungsmöglichkeiten für die Mikroelektronik mehr finden lassen und somit das nötige Kapital zur Aufrechterhaltung von Moores Law nicht mehr aufgebracht werden könnte. Aber auch hier gilt: Für die nächsten zwei Generationen ist gesorgt an weiteren wird geforscht. In letztere Kategorie fallen dann so nach Science-Fiction anmutende Sachen wie Personal Fabrication oder Nanoroboter, das Netz ist voll mit solchen Storys. Für die mikroelektronische Revolution ist allerdings nicht wichtig, dass alle diese Bereiche letzten Endes wirklich ökonomisch funktionieren. Wichtig ist nur dass es ausreichend viele Bereiche gibt, die funktionieren.

[Alle Kommentare ausblenden] (16) Schließlich lässt sich beobachten, dass es enorm viele gesellschaftliche Veränderungen in der Zeit seit der Gültigkeit von Moores Law gibt. Diese sind sowohl Vorraussetzung als auch Folge der mikroelektronischen Revolution. Dabei geht es um den von den Postoperaisten als "immaterielle Arbeit" bezeichneten Komplex. Oder auch um viel was unter der Chiffre "Auswirkungen von 68" verhandelt wird. Es gibt eine Anekdote, die diesen Wandel und seine Verknüpfung mit der mikroelektronischen Revolution erstaunlich gut illustriert und lustigerweise spielt der Erfinder von Moores Law, Gordon Moore darin eine Hauptrolle: Er berichtet dass eines Tages ein junger Elektrotechniker zu ihm kam und ihm vorschlug einen kleinen kompakten Computer zu bauen, den jeder bei sich zu hause benutzen könnte. Moore lies ihn abblitzen, so daß spätere andere den Personalcomputer erfinden mussten. Seine Begründung war, dass er sich keine Anwendung für einen solchen Computer vorstellen konnte, außer die Verwaltung der Rezepte seiner Frau. Diese Anekdote zeigt zum einen, wie es erst gesellschaftlicher Veränderungen brauchte, damit der Mikroelektronik neue Anwendungsfälle erschlossen werden konnten. Frauen - auch Hausfrauen - machen heutzutage eben so einiges mehr als blos Rezepte sammeln - selbst in der Vorstellungswelt von Patriarchen wie Moore. Ausserdem haben sich die Abgrenzungen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr verwischt, was viele eben auch zu Hause die Rechenkapazität verwenden lässt, die man früher nur in großen Rechenzentren hatte. Und umgekehrt zeigt es auch, wie viele gesellschaftliche Veränderungen erst durch kleine, rechenstarke, weltweit vernetzte Computer für zu Hause möglich wurden. Was ist daran für uns wichtig? Wenn dieses Zusammenspiel von gesellschaftlicher Veränderung mit der techno-ökonomischen Welt von Moores Law zu einem Ende kommt, endet auch Moores Law. Das kann jederzeit passieren. Aber auch hier gilt: Je mehr die Mikroelektronik den Alltag durchdringt umso unwahrscheinlicher wird es.

[Alle Kommentare ausblenden] (17) Wir halten also fest: Wir können nicht sicher sein, dass Moores Law weiter gilt, aber die Wahrscheinlichkeit steigt eher als das sie fällt je länger es gilt.

[Alle Kommentare ausblenden] (18) Was passiert nun, wenn das immer so weiter geht? Oder zumindestens eine hinreichend lange Zeit lang? Mit dieser Frage haben sich die Futurulogen rund um Raymond Kurzweil beschäftigt. Ihre Antwort: Das Mooresche Gesetz ist nur eine Anwendung eines allgemeineren Gesetz zivilisatorisch-technologischer Entwicklung. Dieses besagt, dass sich Technologie immer exponentiell verbessert und somit irgendwann eine "technologische Singularität" erreicht wird. Die Singularitarianer rechnen noch in diesem Jahrhundert damit. Ab dieser Stelle wird die menschliche Zivilisation von etwas ganz anderem abgelöst über das keinerlei Aussagen möglich seien, weil unsere Erkenntniskraft dafür nicht ausreicht. Vorschläge zu diesem "ganz anderen" gibt es natürlich trotzdem und die Science-Fiction-Literatur ist voll davon: Künstliche Intelligenz, Maschinenzivilisationen, Cyborgs, Genoptimierung usw.

[Alle Kommentare ausblenden] (19) Uns ist jetzt natürlich schon klar, was das Problem mit solchen technologischen Eschatologien ist: Sie interpretieren Moores Law als technologisches Gesetz, dabei ist es eigentlich ein ökonomisches. Aus dieser Perspektive ist Zivilisation immer nur eine Ansammlung von Gadgets. Wenn man nun Moores Law ökonomisch interpretiert, ist sofort klar, dass es nur innerhalb des Kapitalismus Gültigkeit hat. In einer Nicht-kapitalistischen Gesellschaft besteht ja keinerlei Notwendigkeit zur Ansammlung immer größerer Werte, um es zu erfüllen. In dem Moment, in dem der Kapitalismus endet, endet auch die Gültigkeit von Moores Law.

[Alle Kommentare ausblenden] (20) Ich denke, wir können trotzdem etwas aus den verstiegenen Ideen der Singularitarianer lernen. Denn, wenn wir das Mooresche Gesetz als ökonomisches innerkapitalistisches Gesetz interpretieren, dann folgt daraus dennoch zumindestens die Möglichkeit einer Singularität, nur handelt es sich um eine ökonomische Singularität und nicht um eine technische. Diese tritt ein, wenn alle Branchen so sehr mikroelektronisiert sind, dass es keine weiteren Anwendungsfälle mehr gibt. Und über das "danach" können wir ökonomisch keine Aussagen machen. Alles kann passieren: Große Krise, Ende des Kapitalismus, seine Ablösung durch etwas schlimmeres, allgemeine Emanzipation, Verschärftes Regime ursprünglicher Akkumulation mit kapitalistischem weiterwurschteln, ... das heisst aber nicht, dass es nicht ausserökonomische Entwicklungen gibt, die sich heute schon abzeichnen und die auch im "danach" noch weiter funktionieren könnten deren erkennen uns also schon heute weiterhelfen könnte.

[Alle Kommentare ausblenden] (21) Tatsächlich gibt es bei Marx, eine Stelle, die man genau als die Vorhersage einer solchen ökonomischen Singularität interpretieren kann. Es handelt sich um das vielzitierte Maschinenfragment in den Grundrissen. Sein Status ist marxologisch höchst umstritten. Michael Heinrich z.B. hält es für einen später von Marx aus guten Gründen verworfenen Gedanken. Er nennt allerdings diese Gründe nicht. Tatsächlich lässt sich im später verfassten "Kapital" einiges über die Auswirkungen von Maschinerie finden, dass auch schon in den Grundrissen verhandelt wurde, aber nichts zu dieser Frage der ökonomischen Singularität oder dem Ende der Arbeitszeit als Wertmaß oder zur Verwissenschaftlichung der Produktion. Heinrich zieht daraus den Schluß, dass Marx seinen Irrtum erkannt habe und deswegen das Thema nicht mehr behandelt. Nur: Warum widerlegt er dann seine ursprünglichen Thesen nicht anstatt sie einfach zu ignorieren? Aus heutiger Sicht sind sie ja ziemlich naheliegend - das ist ja auch der Grund wieso das heute so heiß diskutiert wird.

[Alle Kommentare ausblenden] (22) Meine Interpretation des Maschinenfragments im Lichte der obigen Überlegungen wäre eine andere: Tatsächlich lässt sich die ökonomische Singularität aus der Funktionsweise des Kapitalismus ableiten - ich habe das oben angedeutet. Dies musste aber zu Marxens Zeiten völlig abstrakt bleiben. Es gab keinerlei empirisch verwertbare Entwicklungen, auf die man sich bei der näheren Untersuchung dieser Frage hätte stützen können. Es gab keine Branche um die sich alles über einen langen Zeitraum exponentieller Verbesserungen hinweg umgrupierte. Es gab keine Mikroelektronik und auch keine andere Technologie, die diese Rolle spielen konnte. In einer solchen Situation ist es völlig naheliegend das bei der näheren Ausbuchstabierung einer Theorie sowas verschwindet.

[Alle Kommentare ausblenden] (23) Was bedeutet nun die Möglichkeit einer ökonomische Singularität für die am Anfang vorgeschlagenen Lösungen des mvdI-Problems? Zunächst einmal, dass sich tatsächlich etwas ändert am Status der Arbeitswerttheorie. Es ist unklar - aber nicht ausgeschlossen - ob sie die Singularität überlebt.

[Alle Kommentare ausblenden] (24) Außerdem wird der Status der mvdI deutlich relativiert. Es handelt sich nur noch um eine unter vielen Anwendungen der Mikroelektronik. Besonders interessant sind diese mvdI dennoch und zwar weil dies ein Feld ist, indem sich außerökonomische Veränderungen zeigen. Das empirisch beobachtbare Auftreten der Peer-Ökonomie (die ja eigentlich ein außerökonomisches Phänomen ist, nämlich gerade die global selbstorganisierte Kooperation ohne blos ökonomische Vorzeichen) in diesem Feld macht sie besonders interessant für Keimformen. Aber auch hier gilt: Es lassen sich sicherlich andere Felder finden, für die das auch gilt und die deswegen genauso interessant sind. Demokratisches, freies Leben mit Kindern oder aktives Auflösen der Geschlechtergrenzen ist in dieser Perspektive z.B. genauso eine Keimform wie es Freie Software ist, denn nicht ihre spezifischen ökonomischen Eigenschaften machen sie zu Keimformen, sondern gerade ihre ausserökonomischen Innovationen, denn nur die werden die ökonomische Singularität überleben.

[Alle Kommentare ausblenden] (25) Der emphatische Aufschein des Kommunismus, den schließlich die Postoperaisten in der immateriellen Arbeit sehen, wird genauso relativiert. Klar, eine Möglichkeit ist diese Entwicklung. Das Neue an unserer Situation in der Prä-Singulären-Phase ist aber weniger, dass das Potential des Kommunismus steigt, sondern das generell alle Potentialitäten steigen, darunter auch die kommunistische.

[Alle Kommentare ausblenden] (26) Ebenso relativiert wird die Vorstellung eines verschärften Regimes ursprünglicher Akkumulation zur Eingliederung der mvdI. Dieses gibt es und seine radikale Version ist auch eine Potentialität, die des Faschismus unter informationskapitalistischen Vorzeichen. Hier ist die ursprüngliche Akkumulation die ausserökonomische Komponente. Das interessante an dieser Perspektive ist vor allem, dass es Verbindungen zu anderen Kämpfen rund um ursprüngliche Akkumulation nahelegt. So ist die Situation im subsaharischen Afrika heute in vielem ähnlich zur Situation während der Hochzeit ursprünglicher Akkumulation in Europa: Landflucht, Einhegung der Commons, marodierende Warlords, religiöser Wahn, Hexenverfolgung, entstehende Nationalstaaten, absolutistische Herrscher, neue Kommunikationsformen, Generationen dauernde Kriege.

[Alle Kommentare ausblenden] (27) Und schließlich ist auch nicht ausgeschlossen dass ein Weg gefunden wird, der die Arbeitswerttheorie ganz normal weiterbestehen lässt, wie es Christian Siefkes und Holger Weiß vorschwebt. Nur darüber lässt sich am allerwenigsten Aussagen, weil es keine ausserökonomische Komponente enthält.

[Alle Kommentare ausblenden] (28) Was ist also zu tun? Angesichts der potentierten Potentialität der prä-singulären Phase braucht es für eine emanzipatorische Bewegung vor allem Flexibilität, Kreativität, netzwerkarktige Organisation, individuelle Verantwortlichkeit, Experimente und Suche nach Keimformen. Es ist kein Zufall, dass sich diese Mittel nur wenig vom Credo des Neoliberalismus unterscheiden. Tatsächlich sind es die Mittel der Zeit zur Erreichung jeden Ziels. Nur für eine emanzipatorische Bewegung muß noch einiges dazukommen, denn schließlich zeichnet sich ihr Ziel nach den schmerzhaften Lernprozessen des 20. Jahrhunderts gerade dadurch aus, dass es nicht jedes Mittel rechtfertigt: Solidarität, Empathie, freie Kooperation, soziale Sicherheit statt Vernichtungskonkurrenz, Krieg, erzwungene Kooperation und allgemeine Existenzangst. Und es ist ebenso kein Zufall, dass das etwas altbacken wirkt, denn an den Zielen der allgemeinen menschlichen Emanzipation hat sich seit Marx wenig geändert und an denen des Kapitalismus auch nicht.




Quelle: http://www.opentheory.org/infokapitalismus/text.phtml
(Last Software Update: 16.01.2008, 20:33)