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gegen Antisemitismus und verkürzte Kapitalismuskritik
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Maintainer: Klara Laura Fajngold, Version 1, 26.01.2002  Druckversion
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Status: Aktiv

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Viele AktivistInnen erklären den Kapitalismus mit den "interhältigen Machenschaften" und dem "bösen Charakter" der Herrschenden. Kapitalismus wird als System der Herrschenden gesehen, die als eindeutig bestimmbarer Block mit homogener Interessenlage die anderen Menschen mit unschtbaren Fäden in der Hand halten. Diese Analyse ist nicht nur verkürzt, sie führt auch zu gefährlichen Forderungen. ATTAC z.B. zieht daraus, dass wir nur den unbegreiflichen Krakenarmen der Finanzspekulation nationalstaatliche Kontrolle entgegen setzen müssen. Andere meinen, es würde reichen, die Leute an der Spitze durch andere zu ersetzen. Nicht selten ist die verkürzte Sicht mit einem strukturellen Antisemitismus verbunden. Symbolischer Ausdruck dieser unzureichenden Analyse ist die Krake, ein von uns nicht gern gesehener Gast auf Transparenten.

Warum ist das keine Kapitalismuskritik?

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Kapitalismus ist eine gesellschaftliche Totalität, eine weltweite Ordnung. Das heißt, er durchzieht alle Lebensbereiche - die In-Wert-Setzende Ideologie ist in jeder Person, die dieser Gesellschaft lebt. Wann immer wir meinen, uns durch einen Wohnungswechsel "verbessert" zu haben, wenn wir unseren Selbstwert durch coole Klamotten oder Sport steigern, uns selbst mit anderen Menschen vergleichen, um dann eifersüchtig zu werden oder etwas geben, mit dem Gedanken, dafür etwas zu bekommen beziehen wir aus auf den Wert als Maß aller Dinge.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Kapitalistische Herrschaft wird nicht darüber vermittelt, dass "die Herrschenden" (Bush, Schröder, etc.) selbst unterdrücken würden. Die Unterdrückung geschieht viel mehr vermittelt durch die Masse der Leute, die einverstanden sind oder einfach so mitmachen - Lehrer, Sozialarbeiterinnen, Polizistinnen, Eltern - alle. "Stets trägt die Unterdrückung der Gesellschaft [durch die herrschenden] zugleich die Züge der Unterdrückung durch ein Kollektiv" (Horkheimer/Adorno; Dialektik der Aufklärung)

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Im Kapitalismus wird den Subjekten das "pusuit of happyness" (Streben nach Glück) erlaubt. Durch die Struktur bedingt, gelingt es aber nur wenigen, wirklich happy - sprich reich und glücklich - zu werden. Zudem ist mit der "Erlaubnis", nach eigenem Willen nach der Erfüllung zu streben der Zwang verbunden, die eigene Arbeitskraft zu Markte zu tragen.

Stage One: Verkürzte Kapitalismuskritik

"Das Problem ist nicht der Kapitalismus, sondern nur die Finanzmärkte"

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Weil dem oder der Einzelnen im Kapitalismus nicht bewusst ist, wie die Herrschaft sich vermittelt, suchen sie eine Erklärung für ihre beschissene Lage. Darauf, dass das Prinzip der abstrakten Arbeit(a) als grundsätzliches Merkmal des Kapitalismus schuld ist, kommen sie nicht - in diesem Falle wären sie ja selbst schuld. Also verorten sie die Misere nicht in der kapitalistischen Produktion, der Warenproduktion, sondern in der Zirkulationssphäre(b), wo abstrakte Werte hin und her wandern. Marxistsich gedacht sind die Werte jedoch nichts anderes als die Ableitung von vergegenständlichter Arbeit. Das Problem liegt also nicht in der Zirkulation, sondern in der Produktion für den Tausch anstatt für die Bedüfnisbefriedigung(c). Zinsen, Banken und Spekulation (das Abstrakte) machen ohne Warenproduktion und Arbeit (das Konkrete) gar keinen Sinn, sie sind historisch entstanden, um diese anzukurbeln. (a) arbeiten nicht für ein Bedürfnis, sondern für die Erzeugung von Wert, aus dem dann der Gewinn (Mehrwert) zur erneuten Zirkulation erwächst (b) Handel, Börse, Geldverwaltung, Bank (c) Menschen sehen sich selbst nicht mehr als Produzentin dieser Gegenstände, sondern platzieren sich selbst im Warensystem als Verbraucherin z.B., deren Bedürfnisse per Tausch, also Kauf, befriedigt werden können.

Stage Two: struktureller Antisemitismus

"Die Finanzmärlte werden von einer Clique "Global Leaders" gesteuert, um die Unterdrückten möglichst efektiv gegen deren Willen zu beherrschen."

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Weil das Ganze so abstrakt und unerklärlich ist, suchen sich die Leute dann Menschen, die für die ökonomischen Prozesse verantwortlich sein sollen - obwohl das ja (s.o.) alle Subjekte und die allgegenwärtige Struktur ist. Diese unheimliche Gruppe soll dann in einer Art Verschwörung eine Steuerungsfunktion ausüben. Grafisch wird das oft als Krake oder als Puppenspieler dargestellt. Die Privilegierten sind nun aber einfach nicht in der Position, das ganze System zu steuern: "Die Rockefellers und deren Kollegen profitieren mit Sicherheit vom Kapitalismus als soziales System, aber sie kontrollieren ihn nicht." (Block, F. 1977. Beyond corporate Liberalism. Social Problems vol. 24 No. 3 (Februar 77) - Warum Kapitalismus nicht zu kontrollieren ist, sieht mensch z.B. an der die prekäre Lage der Weltwirtschaft, die derzeit von Krise zu Krise schlittert. Wenn "die Herrschenden" die Wirtschaft wirklich steuern könnten, wäre die ganze Geschichte sehr viel stabiler. Verschweigen wollen wir hier nicht, dass der Trugschluss von der Steuerbarkeit nicht nur von KritikerInnen, sondern auch von den "Global Leaders" selbst ausgeht - das WEF (World Economic Forum) meint z.B. die Geschichte der Welt hin zu einem Kapitalismus mit menschlichem Andlitz bewegen zu können. (Wir sprechen von strukturellem Antisemitismus , wenn eine Personalisierung von kapitalistischer Herrschaft erfolgt. Struktureller Antisemitismus muß nichts mit Jüdinnen und Juden konkret zu tun haben.)

Stage Three: Antisemitismus

"Die Juden im World Trade Center haben jetzt die Quittung dafür bekommen, daß sie durch die USA die Weltwirtschaft kontrollieren"

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Was jetzt noch fehlt, ist die Zuordnung der Drahtzieher-Funktion an die Juden. Struktureller Antisemitimus ist so tendenziell mobilisierbar für konkreten Antisemitismus gegen Jüdinnen und Juden. Die Nazis (und auch so manche Anarchistinnen und Kommunistinnen) sprachen dann auch tatsächlich vom Gegensatz von raffenden und schaffendem Kapital - vom "vagabundierendem jüdischen Finanzkapital" und der "ehrlichern deutschen Arbeit", die sich gegenüber stehen.

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Dieses Resentiment hat seine historischen Wurzeln im 18./19. Jh. .Zu dieser Zeit zerfiel das alte Feudalsystem und mit ihm die direkte Herrschaft der Feudalherren und -damen. Der Markt als abstrakte Ordnung hielt Einzug und mit ihm war es allen Menschen, qua Aufklärung, möglich, "seines/ihres eigenen Glückes Schmied zu werden". Da diese Art der Unterdrückung nicht mehr fassbar war, suchten sich die Menschen immer noch personale Herrschaft als Erklärungsmuster und fanden es in den Jüdinnen und Juden, denen in der mittelalterliche Stadt selten mehr als die berufliche Laufbahn einer Händlerin/Händler offen stand. Als bürgerlich-kapitalistische Ideen diesen nun ihren nicht schönen, aber festen Platz im Mittelalter abspenstig machten, erklärten sich die anderen Menschen die Umbrüche des Kapitalismus mit "einem Einzug jüdischer Verhältnisse". Bekannte, volkstümliche Begriffe daher sind "Verjudung" für bestimte Prozesse der Verwertbarmachung. Heute sind noch alte Versatztücke dieser Erklärungen übrig, der Begriff "Jude, Jüdin" fällt aber nach der Shoah nur noch selten.

Praxis braucht Theorie:

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Werke des Marxismus-Leninismus: http://www.mlwerke.de/
Gruppe Krisis: http://www.krisis.org
Zeitung "streifzüge": http://members.blackbox.net/hp_links/234/lorenz.glatz/streifzuege/
Initiative Sozialistisches Forum: http://www.isf-freiburg.org/
Zeitung "karoshi": http://www.realkaroshi.org/
Wildcat-Zirkular: http://www.wildcat-www.de/

Theorie braucht Praxis:

[Alle Kommentare ausblenden] (13) contact your local infoladen - http://www.infoladen.net
für eine linke strömung (FELS) - http://www.nadir.org/nadir/initiativ/fels/
portal lokaler gruppen - http://www.left-action.de/




Quelle: http://www.opentheory.org/krakenkritik/text.phtml
(Last Software Update: 26.01.2002, 20:10)