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Browser Wie kommen wir zu einer Tasse Kaffee? Zur produktiven Informationsgesellschaft (Autor: Wolf Göhring) |
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| Maintainer: Werner Imhof, Version 1, 04.12.2001 |
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| Projekt-Typ: | |
| Status: Final |
(1) Ich will nicht gleich ins Allgemeine einsteigen und dort versacken, sondern erst mal über einer Tasse Kaffee etwas Praktisches bereden, nämlich wie man eigentlich zu Kaffee kommt. Danach ist Gelegenheit, entlang dieser Praxis zwei wesentliche Züge unserer Zeit zu behandeln, nicht ohne Nachhilfe bei MARX. Das eine ist die Produktion der Güter als Waren, die erst nach einem Tausch brauchbar werden. Das andere ist, daß alle versuchen, den Tausch "irgendwie" so in den Griff zu bekommen, daß man hinterher nicht der Gelackmeierte ist.
(2) Ganz einfach: Wasser in die Kanne zapfen, in die Maschine schütten, etwas gemahlenen Kaffee aus der Tüte in den Filter, Filter auf die Kanne, Maschine einschalten, kurz warten, fertig. Wie kommen wir zur Tasse Kaffee, wenn die Kaffeetüte leer ist? Ganz einfach, im Supermarkt eine neue kaufen. Oder wenn die Kanne zu Boden gegangen und zerschellt ist? Ganz einfach, in der Elektroabteilung eine neue kaufen. Oder wenn ... ? Auf jeden Fall: ganz einfach.
(3) Im Supermarkt fehlt Kaffee nie. Wie kommt der dorthin? Dort sieht man manchmal Lkws, von denen Paletten abgeladen werden, da wird auch der Kaffee dabeisein. Wo die Paletten herkommen? Da gibt es ein zentrales Großlager mit allem Möglichen, da lagert auch Kaffee. Der Grossist bezieht ihn von der Rösterei. An der Küste gibt es viele Röstereien, wegen der Häfen. Der Kaffee kommt mit dem Schiff, aus Übersee, aus Brasilien, aus Mittelamerika. Irgendwie arbeiten dort Campesinos auf den Haziendas. Sechsmal sortieren die Familien der Campesinos die frischen Kaffeebohnen, bevor sie getrocknet und "die guten ins Säckchen" für die Westeuropäer gefüllt werden. Wo kommen die Säcke her? Jute aus Indien? Wie werden die vollen Säcke eingeladen? Auf den Schultern der Einheimischen? Wie werden die vollen Säcke ausgeladen? Mit den Kränen der andern Einheimischen? Wo kommen die Kräne her? Der Stahl der Kräne, der Schiffe und dieses Bandes, das sich um die Kanne schlingt und den Griff hält? Das Erz für den Stahl? Lothringen? Kiruna? Minas Gerais? Kenia?
(4) Im Supermarkt gibt es Kaffee für 6,40 DM im Sonderangebot. An der Kasse wird mit dem Markierungsleser eine Nummer an der Tüte gelesen. Ein kleiner Computer in der Kasse fragt einen großen Computer im Supermarkt, was das kosten soll, und druckt es auf den Quittungszettel. 10 Mark hin. "Dreimarksechzig zurück", sagt der Computer. Der große Computer verbucht den Abgang einer Tüte und merkt, daß nur noch höchstens zehn im Regal stehen, also nachfüllen aus dem Lager, und weil im Lager auch so wenig, nachbestellen beim Großhändler - elektronisch. "Natürlich", möchte man sagen. Von des Großhändlers Computer geht irgendwann eine Email an die Kaffeerösterei. Dort werden Marktanteile untersucht und Aufkäufer in Gang gesetzt. Die erschauen in ihren Bildschirmen, daß sie bei den Warentermingeschäften nicht draufzahlen. Und irgendwo ist ein Kaffeeproduzent froh, daß er sein Zeugs losgeworden ist.
(5) Es werden Kontrakte geschlossen: Soundsoviel Kaffee geht von A nach B, ohne den Kaffee einen Meter bewegen zu müssen. Soundsoviel Geld von B nach A, ohne einen Pfennig bewegen zu müssen. Es genügt die Computerbuchung. Aber irgendwo wird auch transportiert, nicht nur virtuell und mit Mausklick. Die Kaffeetüte kommt zum Kaffee, worin er frisch gemahlen aromasicher vakuumverpackt wird. Die 640 Pfennige für die volle Kaffeetüte werden virtuell über den Globus verstreut, um sich als Cents, Centavos oder allerlei anderes Geld wieder zu materialisieren. Genau besehen: Aus einer dampfenden Tasse Kaffee zieht eine ganze Welt herauf.
(6) Muß man das so genau sehen und wissen? Es läuft doch gut, auch wenn man es nicht genau weiß: Man geht zum Supermarkt und kauft sich dort seinen Kaffee. Basta. Und wenn mal kein Kaffee da sein sollte, kauft man woanders oder beschwert sich. Globalisierung, vernetzte Welt? Brauchen wir diese? Sollten wir nicht lieber echt deutsche Zitronen essen, wozu uns Tucholsky schon spottend riet? Aber nein. Was wir brauchen, ist mehr Geld und billigeren Kaffee. Wieso ist der Kaffee trotz Sonderangebot noch so teuer?!
(7) Statt über Kaffee hätte ich auch über Schuhe, Kerzenständer oder Zahnpasta sprechen können. Oder über Bohrmaschinen, Gabelstapler, Kinderwagen. Was macht diese Gebrauchsgegenstände käuflich, zu Waren?
(8) Ich spare mir Anmerkungen dazu, wie es im Laufe der Jahrtausende dazu gekommen ist und was die Menschen dazu getrieben hat, immer mehr Produkte nicht mehr für den eigenen, unmittelbaren Verbrauch in einer kleinen Gruppe, sondern als Waren für den Tausch herzustellen. Bekannt ist, daß diese Entwicklung von scharfen Auseinandersetzungen begleitet war. Dazu nur eine Episode: Der deutsche Kaiser Otto III. zog vor tausend Jahren nach Rom, um den meist nur noch symbolischen Pachtzins für Ackerland kräftig anzuheben. Landbesitzender Adel und Klerus sollten zu Geld kommen, die Bauern hätten mehr auf den Markt bringen und verkaufen müssen. Der höhere Pachtzins hätte das Preis-, Sozial- und Produktionsgefüge dramatisch verändert. Die Römer pfiffen auf diese "Wiederherstellung des römischen Reiches", wie es Otto III. in einer Rede benannte, und bekriegten ihn.
(9) Ware, Gebrauchswert und Tauschwert1 [1] [2]
(10) Es hat historische und natürliche Gründe, daß der Ort, wo die Produkte entstehen, und der Ort, wo sie verbraucht werden, ganz verschiedene sind. Schon die antiken Städter konnten nicht mehr selbst auf die entlegenen Felder ziehen, um dort das Korn anzubauen, das sie verzehrten. Das Korn für das antike Rom kam aus Libyen. Produkte, auch die modernsten, die in isolierter Arbeit aufgehäuft werden, müssen erst zu den Verbrauchern geschafft werden. Gebrauchsgegenstände wie Kaffee oder Kinderwagen werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebener Arbeiten - MARX nennt sie Privatarbeiten (MEW 23, S. 87) - sind. Sie sind Nicht-Gebrauchswerte für ihre Erst-Besitzer, Gebrauchswerte für ihre Nicht-Besitzer. Ein Campesino, der Kaffee anbaut und von Kaffee "lebt", kann gar nicht soviel Kaffee trinken, wie er erntet. Er muß ihn los werden, aber er kann ihn nicht verschenken. Und uns läßt es kalt, ob der Campesino bei der Kaffeeernte schwitzte, wenn wir das Geld für die Tüte Kaffee über den Ladentisch schieben. Man hat mit dem Campesino nichts zu schaffen, auch wenn man sich seine Arbeit mit einer Tasse Kaffee einverleibt.
(11) Die Herstellung der Produkte ist nicht ohne Arbeit und nicht ohne Verbrauch an Lebenszeit der Produzenten zu haben. In dieser Zeit werden die Produzenten müde, hungrig und durstig. Es verschleißen ihre Kleider, ihre Häuser wollen renoviert werden. Und irgendwie muß auch das erledigt werden. Die Produzenten drängen darauf, daß sie für die Produkte, die sie hergeben (müssen), in irgend einer Weise so entschädigt werden, daß sie weiterleben können, daß das, was während der Produktion für andere liegengeblieben ist, irgendwie doch erledigt oder ersetzt werden kann. "The real price of every thing, what every thing really costs to the man who wants to acquire it, is the toil and trouble of acquiring it. What every thing is really worth to the man who has acquired it, and who wants to dispose of it or exchange it for something else, is the toil and trouble which it can save to himself, and which it can impose upon other people. What is bought with money or with goods is purchased by labour, as much as what we acquire by the toil of our own body. That money or those goods indeed save us this toil. They contain the value of a certain quantitiy of labour which we exchange for what is supposed at the time to contain the value of an equal quantity." (ADAM SMITH: a.a.O., chap. V, p. 36) Die Produzenten können ihr Produkt nicht umsonst hergeben, sie benötigen soviel, um anderntags weiterleben zu können. Die Produzenten ver"wahren" ihre Produkte solange, bis Gleichwertiges ansteht. Erst dann wird getauscht, erst dann ist der andere zum Gebrauch des Produkts befugt: Das verwahrte Produkt ist eine Ware geworden (s. a. Grimmsches Wörterbuch der deutschen Sprache).
(11.1) 12.01.2002, 18:50, Werner Imhof: Ware wird ein Produkt allein durch den Austausch mit anderen Produkten oder mit Geld, nicht durch seine eventuelle vorherige "Verwahrung". Auch ein Produkt, das nicht "verwahrt" werden kann, weil es im Moment seiner Produktion auch schon konsumiert wird, also Dienstleistung ist, ist Ware, wenn seine Nutzung gegen anderes Produkt oder Geld getauscht wird.
(11.1.1.1) Re: Ware, 04.03.2002, 16:13, Werner Imhof: Vielleicht würde ich Deinen Einwurf verstehen, wenn Du ihn so vervollständigen könntest, daß er Sinn macht. Produktionsbedingungen sind 1. Naturstoff, 2. menschliche Arbeitskraft, 3. vergangene Arbeit in Form von Produktionsmitteln. Sie "verwahren" heißt, sie vorrätig halten, also vorerst ungenutzt lassen. Wozu sollte das "ausreichend" sein?
(11.1.2) 25.03.2002, 12:00, Wolf Göhring: Hier konnte und sollte keine ethymologische, also geschichtliche herleitung des wortes "ware" gegeben werden. Aber nach dem, was ich im Oxford English Dictionary dazu gelesen habe, scheinen "ware", "verwahren", "bewahren" die gleiche formale, aber auch inhaltliche wurzel zu haben, und die verweist auf den austausch: Zum austausch gehoert naemlich auch das festhalten und bewachen des sache, bis sich etwas passendes als gegenleistung gefunden hat. Erst dann gibt man die chose her. Das wort "ware" charakterisiert also den (moeglicherweise langen) weg zwischen produktion und tatsaechlichem austausch und kennzeichnet mit dem "verwahren" zugleich das mit dem austausch untrennbar verbundene private eigentum. Indem man austauscht, ist man gegenueber dem partner des tauschs eigentuemer, besitzer der ware. Der austausch ist wechsel der besitzer; diebstahl uebrigens auch.
(12) Die Kaufleute schaffen das Produkt vom Ort seiner Entstehung an den seines Verbrauchs; sie vermitteln zwischen Hersteller und Verbraucher, die sich beide unbekannt, fremd und gleichgültig bleiben, wo der eine etwas hat, das er nicht gebrauchen kann, das ein andrer gebrauchen könnte, aber zunächst nicht hat. Die auf einen Gebrauchswert, Kaffee oder Zahnpasta beispielsweise, "verausgabte menschliche Arbeit zählt nur, soweit sie in einer für andre nützlichen Form verausgabt ist. Ob sie andren nützlich, ihr Produkt daher fremde Bedürfnisse befriedigt, kann aber nur ihr Austausch beweisen." (MEW 23, S. 100 f.) Mit Bezug auf den Gebrauchswert gilt die in der Ware - im Kaffee, in der Zahnpasta - enthaltene Arbeit nur qualitativ. Beim Gebrauchswert geht es um das Wie und Was der Arbeit, beim Tauschwert um ihr Wieviel, ihre Zeitdauer (S. 60). "Da der Handel überhaupt nichts ist als der Austausch einer Arbeit gegen andere Arbeit, wird der Wert aller Dinge am richtigsten geschätzt in Arbeit." (The Works of BENJAMIN FRANKLIN, ed. by Sparks, 1836, v. II, p. 267) Arbeit bedeutet bei FRANKLIN wie oben auch "labour" und "toil and trouble", bei SMITH aber nicht die konkrete individuelle Arbeit, die die Einzelnen vollbracht hatten, als sie das auszutauschende Stück herstellten. Beim Tausch, Verkauf eines schönen handgeknüpften Teppichs ist es dem Käufer egal, mit wieviel Fantasie, Begeisterung und Hingabe das gute Sück geknüpft wurde. Es zählt sein Preis im Vergleich zu andern Stücken, es zählt, ob viele oder wenige angeboten werden und wieviele die Gesellschaft gebrauchen kann oder will. Mit Blick auf den Tausch tragen nur die hineingesteckten Arbeitsstunden, gleichgültig von welcher Art und Person, zum (Tausch-)Wert des Produkts bei. Mit Bezug auf den (Tausch-)Wert gilt die hineingesteckte Arbeit nur quantitativ, nachdem sie bereits auf menschliche Arbeit ohne weitere Qualität reduziert ist. Im Austausch werden die Waren als (Tausch-)Werte aufeinander bezogen und als (Tausch-)Werte realisiert (S. 100). Moderne Betriebswirtschaft und Kostenrechnung haben daran nichts geändert. Mit 17 Arbeitsstunden wird ein Auto montiert; das ist zusammen mit dem Verbrauch anderer (Tausch-)Werte ein Eckpunkt seines (Tausch-)Werts, den es schnell verliert, wenn es andere in 16 Stunden montieren oder wenn zuviele gebaut werden. Wenn an allen Ecken Kiwis feilgeboten werden, so sind sie in den Augen der Käufer nichts mehr wert, auch wenn ihr Wert für die menschliche Ernährung in nichts nachgelassen hat.
(12.1) 12.01.2002, 18:55, Werner Imhof: Wenn Wert und Tauschwert als Synonyme oder auswechselbare Begriffe verwandt werden, ist das regelmäßig ein Anzeichen dafür, daß beide unklar sind. So auch hier. Ob die in ein Produkt hineingesteckte Arbeit "trägt" oder "gilt", ist empirisch gewöhnlich gar nicht zu erkennen (es sei denn, es ist unverkäuflich); dazu müßte sein Wert, sein notwendiger Anteil an der Gesamtarbeit, bekannt sein, was er aber nicht ist. Der Tauschwert resp. Preis einer ware ist ihr jeweiliges Austauschverhältnis mit einer anderen resp. mit allen anderen Waren. Ob die in der Ware enthaltene Arbeit gleich ist der in dem Äquivalent resp. in allen Äquivalenten verkörperten Arbeit, ist ebenso unbekannt wie ihr Wert.
(12.1.2) 25.03.2002, 12:35, Wolf Göhring: Gesenkten hauptes zitiere ich: "Der wert einer ware ist selbstaendig ausgedrueckt durch seine darstellung als 'tauschwert'. Wenn es im eingang dieses kapitels in der gang und gäben manier hieß: Die ware ist gebrauchswert und tauschwert, so war dies, genau gesprochen falsch. Die ware ist gebrauchswert oder gebrauchsgegenstand und 'wert'. ... Unsere analyse bewies, daß die wertform oder der wertausdruck der ware aus der natur des warenwerts entspringt, nicht umgekehrt wert und wertgröße aus ihrer ausdrucksweise als tauschwert." (Marx: Das Kapital I. MEW 23, s. 75)
(13) Die zur Produktion der Waren gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und die Nützlichkeit der Waren spricht sich zwar herum, doch erst im Austausch zeigt sich, ob und wieweit die einzelne Ware einen Nutzen hat, ob sie die eingesetzte Arbeitszeit wert ist. Was nichts taugt, nimmt man, wenn es sich herumgesprochen hat, nicht mal mehr geschenkt. Die Waren müssen im Tausch Gleichwertiges gefunden haben, sie müssen ihren (Tausch-)Wert bewiesen und realisiert haben, bevor sie verwendet werden können. Andrerseits müssen sie sich als Gebrauchswerte bewähren, bevor sie sich als (Tausch-)Werte realisieren können. Aber erst nach dem Tausch, wobei die Dinge als Tauschwerte aufeinander bezogen werden, erweist sich das eingetauschte Produkt als tauglich, zeigt sich sein Gebrauchswert.
(13.1) 12.01.2002, 19:00, Werner Imhof: "Die zur Produktion der Waren gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit" kann sich nicht herumsprechen, weil sie keine empirische Größe ist (bzw. dies erst auf der Ebene der Gesamtarbeit wird), sondern eine analytische Kategorie, von der die bürgerliche Ökonomie nicht mal einen theoretischen Begriff hat. Die Waren müssen daher auch keineswegs "im Tausch Gleichwertiges gefunden haben". Sie werden im Austausch mit anderen Waren gleichgesetzt oder verglichen. Aber ob die realisierten Tauschwerte der Waren auch ihre Werte realisieren, steht in den Sternen.
(13.1.1) notwendige Arbeitszeit, 03.03.2002, 14:23, Günter Lauterbach: Irgendwie Erinnere ich mich daran das die Konkurenz etwas mit der Wertgröße zu tun hatte. Nämlich das die Waren in der Konkurenz auf ihre Wertgröße zurückgeführt werden- als Durchschnittswert. Also hinter dem Rücken der Produzenten.
(13.1.1.1) Re: notwendige Arbeitszeit, 04.03.2002, 16:28, Werner Imhof: Wenn Du meinst, daß die Konkurrenz die Wertgröße bestimmt, ist das ein Irrtum. Die Konkurrenz ist nur eine Bedingung dafür, daß die Wertgröße die Bewegung der Preise beherrschen, als ihr "Gravitationszentrum" wirken kann. Das heißt aber noch lange nicht, daß die Konkurrenz alle Preisunterschiede ausgleicht und Durchschnittspreise durchsetzt, die dann der Wertgröße entsprechen. Übereinstimmung von Preisen und Wertgrößen herrscht gewöhnlich nur auf der Ebene der Gesamtarbeit für die Gesamtheit einer Ware(nart).
(13.1.2) 25.03.2002, 13:08, Wolf Göhring: In dem saetzchen "im Tausch Gleichwertiges gefunden haben" hab ich ein bisschen mit dem schillernden gehalt der silbe "wert" (nicht mit dem selbstaendigen wort oder begriff "wert") gespielt. Wenn man bei einem kauf sagt: "das ist mir die sache wert", so drueckt man doch wohl aus, dass die groschen, die man rueberreicht, und das produkt, das man erhaelt, in dieser sekunde fuer gleichwertig erachtet werden. Eine halbe stunde spaeter kann man das schon wieder anders beurteilen, wenn man meint, ueber's ohr gehauen worden zu sein. Das gleichsetzen mit andern waren ist keine willkuer, es sei denn, es stehen sich tumbe toren gegenueber. Der vergleich, der der gleichsetzung vorausgeht, fusst auf der kenntnis, wie lange man selbst arbeiten muss, um die kroeten zusammen zu haben, um sich das ding leisten zu koennen. Er fusst auf der kenntnis, dass andere aehnlich lange dafuer rackern muessen. Er fusst auf der kenntnis, wieviel fuer aehnliche waren verlangt wird, heute, gestern, an den abgeklapperten stellen. Er fusst auf der kenntnis, mit welcher qualitaet zu rechnen ist und woran einem selbst mangelt, ggf. durch eine besondere zwangslage verursacht. Alles das laesst einen dann den konkreten austausch vollziehen, jedoch keineswegs mathematisch scharf durchgerechnet. In diesem sinne war "gleichwertiges" zu verstehen.
Dazu ein vormarxistisches zitat: The prices are "adjusted, however, not by any accurate measure, but by the higgling and bargaining of the market, according to that sort of rough equality which, though not exact, is sufficient for carrying on the business of common life” (A. SMITH, 1776).
(14) Persönliche und geburtliche Abhängigkeit, Treue-, Fürsorge- und Unterhaltspflicht bestimmen heutzutage außer in Familie oder in persönlichen Partnerschaften nicht mehr, wem welche und wieviele Produkte zugute kommen, sondern das sachliche Kriterium einer gleichwertigen Gegenleistung für das "hergestellte" Ding, für das verwahrte Produkt. Jedoch: Wieviel Sack Weizen für einen Kupferkessel? Wieviele Denare, Schillinge, Euro für einen Sack Weizen und wieviele für den Kupferkessel? Oder für Kaffee, Schuhe, Kerzenständer oder Zahnpasta. Oder für Bohrmaschinen, Gabelstapler, Kinderwagen? Was tut man, was gibt man dafür, was ist es einem wert, Kaffee trinken zu können? Für welches Angebot gibt der Produzent seinen Kaffee preis oder muß er ihn preisgeben?
(15) "Jeder Warenbesitzer", schreibt MARX, "will seine Ware nur veräußern gegen andre Ware, deren Gebrauchswert sein Bedürfnis befriedigt. ... Aber andrerseits will er seine Ware als Wert realisieren, also in jeder ihm beliebigen andren Ware von demselben Wert, ob seine eigne Ware nun für den Besitzer der andren Ware Gebrauchswert habe oder nicht." (MEW 23, S. 101)
(16) "... so gilt jedem Warenbesitzer jede fremde Ware als besonderes Äquivalent seiner Ware, seine Ware daher als allgemeines Äquivalent. Da aber alle Warenbesitzer dasselbe tun, ist keine Ware allgemeines Äquivalent und besitzen die Waren daher auch keine allgemeine relative Wertform, worin sie sich als Werte gleichsetzen und als Wertgrößen vergleichen. ... Die Gesetze der Warennatur betätigten sich im Naturinstinkt der Warenbesitzer. Sie können ihre Waren nur als Werte und darum nur als Waren aufeinander beziehn, indem sie dieselben gegensätzlich auf irgendeine andre Ware als allgemeines Äquivalent beziehn. ... Aber nur die gesellschaftliche Tat kann eine bestimmte Ware zum allgemeinen Äquivalent machen. Die gesellschaftliche Aktion aller andren Waren schließt daher eine bestimmte Ware aus, worin sie allseitig ihre Werte darstellen. Dadurch wird die Naturalform dieser Ware gesellschaftlich gültige Äquivalentform. ... So wird sie - Geld." (A.a. O.)
(17) "Der Geldkristall ist ein notwendiges Produkt des Austauschprozesses, worin verschiedenartige Arbeitsprodukte einander tatsächlich gleichgesetzt und daher tatsächlich in Waren verwandelt werden. Die historische Ausweitung und Vertiefung des Austausches entwickelt den in der Warennatur schlummernden Gegensatz von Gebrauchswert und Wert. Das Bedürfnis, diesen Gegensatz für den Verkehr äußerlich darzustellen, treibt zu einer vollständigen Form des Warenwerts und ruht und rastet nicht, bis sie endgültig erzielt ist durch die Verdopplung der Ware in Ware und Geld. In demselben Maße daher, worin sich die Verwandlung der Arbeitsprodukte in Waren, vollzieht sich die Verwandlung von Ware in Geld." (A.a.O. und S. 102) Die Teilung der Arbeit in unabhängige Privatarbeiten oder besser: die bloße Anhäufung unabhängiger Privatarbeiten verwandelt die Arbeitsprodukte in Waren und macht dadurch ihre Verwandlung in Geld notwendig (S. 122).
(18) Nach diesem Ausflug zu MARX eine seiner Fußnoten: "Danach beurteile man die Pfiffigkeit des kleinbürgerlichen Sozialismus, der die Warenproduktion verewigen und zugleich den 'Gegensatz von Geld und Ware', also das Geld selbst, denn es ist nur in diesem Gegensatze, abschaffen will. Ebensogut könnte man den Papst abschaffen und den Katholizismus bestehen lassen." (A.a.O., Fußnote S. 102)
(19) Erst in vollständig entwickelter Warenproduktion wird einsichtig, daß die unabhängig voneinander betriebenen, aber als naturwüchsige Glieder der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit allseitig voneinander abhängigen Privatarbeiten fortwährend auf ihr gesellschaftlich notwendiges Maß gestutzt werden, weil in den zufälligen und stets schwankenden Austauschverhältnissen der Produkte die zu deren Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit von den Austauschenden gewaltsam wie ein Naturgesetz durchgesetzt wird (S. 89). "Nur vermittels der Entwertung oder Überwertung der Produkte werden die Produzenten mit der Nase darauf gestoßen, was und wieviel davon die Gesellschaft braucht oder nicht braucht." (FRIEDRICH ENGELS, Vorwort zu MARX: Elend der Philosophie, MEW 4, S. 566). Der Preis einer Ware kann deshalb von ihrem Wert abweichen. Die Preisform der Waren ist einer Produktionsweise angemessenen, "worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann" (MARX: Das Kapital, MEW 23, S. 117).
(20) Gesellschaftlicher Zusammenhang, Versachlichung, Entfremdung und Warenfetischismus
(21) Trotz Unabhängigkeit und Isoliertheit der Arbeiten bleibt die Produktion jedes einzelnen abhängig von der Produktion aller andern: Das eigne Produkt, die eigne Tätigkeit werden nur nützlich, wenn ausgetauscht, wenn fremder, nicht der eigne Bedarf befriedigt wird. Umgekehrt wird der eigne Bedarf durch ein fremdes Produkt befriedigt, das nur im Tausch gegen eignes gewonnen werden kann. Dieser gesellschaftliche Charakter der Tätigkeit, diese gesellschaftliche Form des Produkts und dieser Anteil des Individuums an der gesellschaftlichen Produktion - auch des produzierten Abfalls, denn das Produkt von heute ist der Müll von morgen - erscheinen in der heutigen, voll entwickelten kapitalistischen Gesellschaft nicht mehr als das persönliche Verhalten der Individuen gegeneinander, sondern als ihnen gegenüber Fremdes, Sachliches, als ihr Unterordnen unter Verhältnisse (z. B. Lohnarbeit), die unabhängig von ihnen bestehen und aus dem Anstoß der gleichgültigen Individuen aufeinander entstehen. Diese wechselseitige und allseitige Abhängigkeit der Individuen bildet ihren heutigen gesellschaftlichen Zusammenhang, ausgedrückt - wie MARX betont - im Tauschwert oder, wenn man ihn isoliert und individualisiert, Geld. Erst darin wird Tätigkeit oder Produkt eines jeden Individuums eine Tätigkeit und ein Produkt für es selbst. Der gesellschaftliche Charakter zeigt sich auch hinterrücks über die Natur der verbrauchten Waren: Der Gebrauch der Produkte verwandelt sie zu Müll, einer plötzlich global und gemeinschaftlich zu tragenden Last. Die mit dem erzeugten Kohlendioxid verbundene globale Klimaveränderung liefert ein schlagendes Beispiel.
(22) Die Warenwelt findet mit dem Geld ihre fertige Form. Eine Sache, das Geld in der Tasche, gibt die Macht, sich ein Produkt anzueignen und sich einen Dienst erweisen zu lassen. Diese Geldform verschleiert in einer sachlichen Weise den gesellschaftlichen Charakter der unabhängigen, isolierten Arbeiten und daher die gesellschaftlichen Verhältnisse der Privatarbeiter, statt sie zu offenbaren (MEW 23, S. 90). Wer im Supermarkt Kaffee einkauft, muß nichts vom Job all derer wissen, die für den Kaffee sorgten. Geld genügt. Und kaum einer dieser Leute, die den Kaffee vom Strauch zum Bauch schaffen, weiß etwas vom Job des andern auf dieser Strecke. Man hat mit jenem Landarbeiter nichts zu schaffen, dessen Arbeit man sich zu Hause als Tasse Kaffee einverleibt, was trotzdem nicht ohne eigenes Zutun abgeht. Dieses Zutun - das bezahlte Geld - kommt umgekehrt abstrakt, unpersönlich, fremdartig, nüchtern-sachlich jenen Stellen zugute, wo der Kaffee geerntet, transportiert, geröstet und vakuumverpackt wird. Ob es dort diejenigen Menschen sind, die zuvor Erzeugung und Lieferung des Kaffees besorgten, ist bedeutungslos. Auch wer Benzin tankt, muß nichts vom Job des Ölarbeiters wissen. Auch hier genügt Geld, aber die Macht des Geldes ist gesellschaftlich. Auf ungültige oder unbekannte Währung wird nichts gegeben, so als spräche man eine fremde Sprache. Und mancherorts ist man mit seiner Kreditkarte arm dran.
(23) Diese Versachlichung des gesellschaftlichen Charakters der Privatarbeiten ist gepaart mit einer Entfremdung: Die Produkte werden für einen fremden, unbekannten Gebrauch gefertigt. Das Produkt wird den Produzenten entzogen, es bleibt nicht ihr Eigentum, es wird ihnen fremd, es wird abtransportiert. Die Produktion wird dem Erwerber des Produkts fremd und gleichgültig, er tauscht das Produkt eines Fremden ein, auf das er mehr oder weniger zufällig stößt.
(24) Das Wertverhältnis der zu Waren gemachten Arbeitsprodukte hat mit deren physischer Natur, den daraus entspringenden dinglichen und persönlichen Beziehungen der Produktion sowie mit ihren Gebrauchswerten nichts zu schaffen. Das Wertverhältnis erfüllt die Produkte der menschlichen Hand scheinbar mit einem eignem Leben, läßt sie als scheinbar selbständige Gebilde untereinander und mit den Menschen in ein Verhältnis treten. Barbie und Tamagotchis geben dem einen skurrilen und absurden Ausdruck. Das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen nimmt die Form eines Verhältnisses von Dingen an: Ich und mein neuer Fernseher, für den ich mein gutes Geld gegeben habe. MARX nennt dies den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist (a.a.O., S. 86 f.).
(25) Die Warenproduktion und Handel konnten in der Vergangenheit nur in dem Maß ausgedehnt werden, wie die Mittel dazu vorhanden waren - und wenn es zunächst Waffen und Festungswerke waren. Die Eroberung der Sachsen durch Karl d. Gr., Englands durch Wilhelm den Eroberer und Ostpreußens durch den Deutschen Ritterorden dienten diesem Zweck. Die mittelalterliche Produktion konnte ein natürliches Maß, bestimmt durch die Kräfte von Menschen, Tieren und einfachen Segelschiffen nicht übersteigen. "A broad-wheeled waggon, attended by two men, and drawn by eight horses, in about six weeks time carries and brings back between London and Edinburgh near four ton weight of goods. In about the same time a ship navigated by six or eight men, and sailing between the ports of London and Leith, frequently carries and brings back two hundred ton weight of goods. Six or eight men, therefore by the help of water-carriage, can carry and bring back in the same time the same quantity of goods between London and Edinburgh, as fifty broad-wheeled waggons, attended by a hundred men and drawn by four hundred horses." (ADAM SMITH: Wealth of Nations, Prometheus Books, New York 1991, chap. III, p. 24)
(26) Mit großen, hochseetauglichen Schiffen im Verkehr mit den Kolonien und mit Wind- und Wasserkraft zum Antrieb von Maschinerie (Mühlen, Hammer-, Säge- und Bohrwerke) änderte sich dies. In einer Werkhalle konnten jetzt mehrere, auch schwere, von Hand kaum zu bewegende Geräte aufgestellt und "betrieben" werden. Die Dampfmaschine ermöglichte eine weitere Zentralisierung und Spezialisierung der Produktion in großen Produktionsstätten. Die Produktpalette dieser Werke war schmal, die Stückzahl aber groß.
(27) Die Produkte konnten weder dem Unterhalt der Produzenten noch einer Herrschaft dienen. Die Produkte waren, um ihre Verwender zu finden, in den Handel zu werfen, der wiederum nach großen Transportmitteln, Umschlagsystemen und Wegen verlangte. Die Gesellschaft entwickelte die Antriebs- und Transporttechnik bis hin zu Elektrizität, Eisenbahnen, Motorschiffen und Flugzeugen, sie erneuerte die angetriebene Maschinerie und die Werkstoffe, sie entwarf neue Produktlinien und dehnte die industrielle Warenproduktion auf jedwede Utensilie bis hin zum Wäschekorb aus Plastik, zur Zinkpille als Nahrungsergänzung und zur elektrischen Zahnbürste aus:
(28) Die Warenproduktion hat ebenso wie der Verbrauch an Ressourcen in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft einen Höhepunkt erreicht. Die Dinge werden nicht mehr als unmittelbare Subsistenzmittel einer kleinen Gruppe von Menschen oder als Tributleistung hergestellt. Alles, was sich technisch und gewinnbringend zu Waren machen läßt, wird zur Ware.
(29) Bereits vor 150 Jahren resümierte MARX: "Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften. Mit der Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten." (Das Elend der Philosophie, MEW 4, S. 130)
(30) Mit der Ausdehnung der Warenproduktion konnten die Konstruktion und Steuerung der Maschinerie, die Planung großer Gebäude, das innerbetriebliche Wirtschaften und die Verbindung der Unternehmen zum Markt nicht mehr bloß in den Köpfen der Menschen abgewickelt werden, sondern mußten einen nachvollziehbaren, mitteilbaren, dauerhaften Niederschlag finden.
(31) Daran lassen sich drei Hauptlinien aufzeigen, die zur Informatisierung, d. h. zur technischen, digitalen Speicherung, Übermittlung und Verarbeitung von Information, zu dieser weltumspannenden einzigartigen Informations- und Kommunikationsmaschine geführt haben:
(32) Die industrielle Produktion benötigt industriell hergestellte Maschinen, deren bewegte Teile schneller als bei Handbetrieb laufen: die Verschleißfestigkeit muß höher sein, auftretende Kräfte erfordern hohe Paßgenauigkeit der Einzelteile, Stahl als Material wird nötig, seine Formgebung ist langwierig. Die Herstellung liegt in vielen Händen, die Übersicht in vielen Köpfen. Das verlangte nach sorgfältiger, d. h. geplanter und berechneter Konstruktion. Die Produktion, schon immer in den Köpfen der Produzenten gespiegelt, mußte nicht zuletzt wegen der Beschränktheit eines Individuums ein äußerliches, produziertes, dokumentiertes Spiegelbild in technischen Zeichnungen und Beschreibungen finden. In der Lochstreifensteuerung für Webstühle hat Jaquard zum ersten Mal eine technische Beschreibung, nämlich die eines Webmusters, informatisiert, was später beispielsweise in der numerischen Steuerung von Maschinen fortgesetzt wurde. Die realitätsnahe Simulation von Crash-Tests für eine am Computer entworfene Karosserie möge den erreichten Stand der Informatisierung bei der Konstruktion verdeutlichen. Künftig soll ein einheitliches, computergestütztes "Wissensmanagement" großtechnische Anlagen in ihrem gesamten Lebenszyklus von der Planung bis zum Abriß begleiten.
(33) Die mittelalterlichen Kaufleute wußten um Überschüsse hier und Bedürfnisse dort und um Mittel und Wege, beides zu verbinden: Durch ihr persönliches Wirken, ihre Reisen stellten sie den Zusammenhang und den gesellschaftlichen Bezug her. Die Händler benötigten und entwickelten neben dem eigentlichen Verkehr eine rationelle Kommunikation, eine virtuelle Verbindung des in der Warenproduktion räumlich, zeitlich und persönlich so weit Auseinanderliegenden. Die Entfremdung in der Warenproduktion einerseits und der gesellschaftliche Zusammenhang andererseits bilden einen Widerspruch, und "so wird gleichzeitig mit der Entwicklung dieser Entfremdung und auf ihrem eignen Boden versucht, sie aufzuheben: Preislisten, Wechselkurse, Verbindungen der Handelstreibenden untereinander durch Briefe, Telegraphen etc. - die Kommunikationsmittel wachsen natürlich gleichzeitig -, worin jeder einzelne sich Auskunft über die Tätigkeit aller andren verschafft und seine eigne danach auszugleichen sucht. D.h., obgleich die Nachfrage und Zufuhr aller von allen unabhängig vor sich geht, so sucht sich jeder über den Stand der allgemeinen Nachfrage und Zufuhr zu unterrichten; und dies Wissen wirkt dann wieder praktisch auf sie ein." (MARX: Grundrisse. MEW 42, S. 94) Die Kommunikation wird mit Beginn der industriellen Produktion selbst industrialisiert: Optische Signalstrecken, Verkabelung von Kontinenten, Meeren, Ozeanen unter teils abenteuerlichen Umständen [4]. Telegraph und Fernschreiber markierten erste Schritte zu einer Informatisierung der Kommunikation. "Im Weltmarkt hat sich der Zusammenhang des einzelnen mit allen, aber auch zugleich die Unabhängigkeit dieses Zusammenhangs von den einzelnen selbst zu einer solchen Höhe entwickelt, daß seine Bildung zugleich schon die Übergangsbedingung aus ihm selbst enthält." (Hervorhebung bei MARX, a.a.O., S. 94 f.) Die erreichte Unabhängigkeit dieses Zusammenhangs von den Individuen und seine Versachlichung, das ist heute die Informatisierung der Verbindung von Unternehmen und Markt, wie sie in dieser Werbung von IBM ausgedrückt wird: "Es muß schon eine starke Software sein, die den Kunden ihres Kunden mit dem Lieferanten Ihres Lieferanten verbindet." (Computer Zeitung, 11. Mai 2000).
(34) Der dritte Bereich einer Informatisierung betrifft das betriebliche Wirtschaften, die Organisierung der Produktion selbst: Buchhaltung der Finanzen, der Materialien und der Läger, Bestellungen, Pflege, Wartung und Reparatur von Maschinen, Investitionen, Arbeitsvorbereitung, NC-Programmierung, Maschinen- und Personaleinsatz, Lohnbuchhaltung. Dieses innerbetriebliche Wirtschaften berührt sich einerseits mit der Konstruktion von Geräten und Anlagen, andererseits mit der Verbindung zum Markt, wenn es um Lieferungen, Bestellungen, Einkauf, Verkauf und Zahlungen geht. Beginnend mit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert wurden die betrieblichen Vorgänge schrittweise informatisiert, indem Lochkarten, Adrema und später Buchungsautomaten eingesetzt wurden. Standardanwenderprogramme, Datenbanken, Geschäftsprozeßmodelle, Work-flow- Systeme und Computer-supported-collaborative-work setzen diese Entwicklungen heute fort.
(35) Die Organisierung von Konstruktion, Produktion und Handel war lange Zeit nur ein notwendiges Zubehör der kapitalistischen Vervollständigung der Welt. Seit 30 Jahren wird die - weit verstandene - Organisationstechnik zu einem eigenen, besonderen, enorm wachsenden Element der kapitalistischen Warenproduktion entwickelt. Die Möglichkeiten, die drei Zweige Konstruktion, Produktion und Kommunikation zusammenzuführen und auf eine einheitliche Grundlage zu stellen, sind erheblich gestiegen - und sie werden genutzt. "Im heutigen globalen Wettbewerb ist das Wissen in seiner Relevanz für die Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr zu überbieten. Das richtige Wissen zur richtigen Zeit am richtigen Ort kann heute den entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen. Da diese Umstände jedoch nur selten gegeben sind, gilt es, aus Datenbanken, Online-Diensten, Inter- und Intranet das relevante Wissen herauszufiltern und zusammen mit dem unternehmensinternen Erfahrungs- bzw. impliziten Wissen in Wissensdatenbanken zugänglich zu machen", wirbt die Management Circle GmbH im Mai 2000 für eine Schulung, wo auch der "Head of Intranet" der Deutschen Bank referieren soll. "Pures Gold wert", liest man an anderer Stelle, "sind die Informationen, die Datenmineure aus dem Internet filtern." Vernetzung soll Produktion und Absatz von Tauschwerten stützen, Vorteile im Wettbewerb einbringen, also isoliertes, privates und trotzdem bedarfsgerechtes, auf die Gesellschaft gerichtetes Produzieren ermöglichen. "Obgleich alles dies auf dem gegebnen Standpunkt die Fremdartigkeit nicht aufhebt, so führt es Verhältnisse und Verbindungen herbei, die die Möglichkeit, den alten Standpunkt aufzuheben, in sich einschließen." (MEW 42, S. 94)
(36) Nach diesem Rückblick auf MARX kann man wieder "online gehen": Unternehmen verbinden sich elektronisch mit Kunden, Verbrauchern, Konsumenten, und zwar gleichgültig, ob es individuelle Endverbraucher oder andere Unternehmen sind, bei diesen wiederum gleichgültig, ob die in der technischen Kommunikation vermittelten Produkte als Betriebsmittel oder als Vorprodukte in der weiteren Fertigung genutzt werden. Wettlauf um Kunden, Customer-relationship-management, Manufacturing-on-demand, Katalogmanagement, Kundenfocus als Wettbewerbsfaktor sind einige der Stichworte, unter denen weitere Vernetzung angesagt ist, die auch Lieferanten mit einbezieht, wo als weitere Stichworte genannt werden: Industriestandards für den Datenaustausch wie etwa CORBA, Supply-chain- management, Lieferung just-in-time und just-in-line, unternehmens- und lieferantenübergreifende Geschäftsprozesse, integrierte Ver-triebs-, Produktions- und Logistikprozesse, Supply-chain-management, E-commerce mit business-to-business und business-to-customer und schließlich virtuelle Unternehmen.
(37) Etwa 1972 ist diese Entwicklung im zivilen Bereich mit dem Bankensystem SWIFT in Gang gekommen. SWIFT ermöglichte es den Banken, den Rhythmus im internationalen Zahlungsverkehr, der heute bei einer halben Stunde liegt, auf unter einen Tag zu verkürzen. Kurz darnach wurde das Abkommen von Bretton Woods zur Kontrolle des internationalen Kapitalverkehrs aufgegeben. Einerseits führten die Schulden der USA, die diese zur Finanzierung des Vietnamkrieges machten, zu einem andauernden Abfluß ihrer Goldbestände. Andererseits hätte jene Kontrolle das Kapital an der technisch ermöglichten schnelleren Zirkulation gehindert. Dieser Trend, die Zirkulation zu beschleunigen oder das in der Zirkulation gebundene Kapital zu vermindern (und dadurch die Profitrate zu steigern), wurde in den folgenden Jahren mit Hilfe der Datenverarbeitung erheblich verstärkt. Beispielsweise bindet ein großes Lager Kapital und birgt die Gefahr, daß Lagerbestände unbrauchbar und das in ihnen vergegenständlichte Kapital entwertet werden. Bei hohen Lagerbeständen sind Produktion und Verbrauch nicht aufeinander abgestimmt.
(38) "Zum anderen führt die durch Vernetzung bewirkte Verkürzung der Innovationszyklen zu einer Verschärfung des Wettbewerbes. Es entsteht ein sich selbst verstärkender Prozeß, da der so verschärfte Wettbewerb wiederum eine Tendenz zu stärkerer Vernetzung auslöst: Die Wettbewerber suchen einen zeitlichen Vorsprung gegenüber den sich auch vernetzenden Konkurrenten (...) zu erzielen." [5]
(39) Der hierin ausgedrückte Widerspruch geht noch viel tiefer: Die Unabhängigkeit der unabhängig betriebnen Privatarbeiten soll durch Information und Kommunikation zurückgedrängt werden, ohne die Privatheit aufzuheben. Die Privatheit und die mit ihr verbundene Konkurrenz verlangen umgekehrt darnach, Information zurückzuhalten, nicht alles Wissen preiszugeben, um die Unabhängigkeit zu wahren. Als Arbeitnehmer werden die Menschen in den Betrieben zunehmend darauf geschult, das Wie und Was der Produktion kooperativ zu klären und auf technisch gespeicherte Information zurückzugreifen. Als individuelle Konsumenten sollen sie sich mit halber Sache zufriedengeben, obwohl sie nur ein Paßwort weit von der Gebrauchsinformation entfernt sind. In fusionierenden Unternehmen wird die Informationsbasis mit großem Aufwand vereinheitlicht; fremde Datenbestände sollen mit einem Mal zugänglich und genutzt werden. Beim Outsourcing läuft es umgekehrt: Was gestern gemeinsame Information war, darf heute dem früheren Kollegen nicht mehr zugänglich sein. Die Konkurrenz der Kapitale wird seltsame Blüten treiben.
(40) Dieser Trend wird solange anhalten, solange die Zirkulationszyklen verkürzt, durch ein Mehr an Produktinformation Marktanteile gewonnen und durch Serviceinformation Kunden gehalten werden können - und bis jeder am Internet hängt. "Weil gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern die Versorgung mit Telefonen weit unter dem Standard der Industrieländer liegt, ist mit solch milliardenschweren Investitionen (Satellitentelefonie, W. G.) dennoch ein Geschäft zu machen." < a name="t6" href="#f6">[6]
(41) Die Informations- und Kommunikationstechnik wird nolens volens in Richtung Aufhebung der Warenproduktion entwickelt. Nolens - weil die Macher dieser Technik die Aufhebung der unabhängig voneinander betriebenen Privatarbeiten und der Warenproduktion nicht im Sinn haben, sondern nur für sich selbst perfektionieren wollen. Volens - weil die Macher ideologisch, praktisch und technisch alles zu dieser Aufhebung vorbereiten und aufgrund der ökonomischen Zwänge gar nicht anders können: die private Perfektionierung der Warenproduktion durch Vernetzung wird Ware und allen Konkurrenten gleichermaßen zugänglich.
(42) Die Produktion von Tauschwerten ist darin noch nicht aufgehoben. Im Gegenteil, man bemüht sich "nur" um ihre Vervollkommnung. Es fließt also nach wie vor Geld, "natürlich" elektronisches Geld, leichter herzustellen - und auch zu fälschen - als Banknoten. "Natürlich" will der Konsument im Internet Information finden: Stadt- und Fahrpläne, Hotelführer für seine Reisen, Kochrezepte, Gesundheitsdaten und medizinische Beschreibungen. Der Konsument surft zur Schnäppchenjagd über den Globus: Wo sind heute Laptops am billigsten? Wo auf der Welt findet man ein bestimmtes Produkt, etwa das vermaledeite Lämpchen für die Hintergrundbeleuchtung eines Flüssigkristalldisplays, das seinen Geist aufgegeben hat? Gibt es einen Testbericht für ein bestimmtes Produkt, eine genauere Beschreibung des Produkts? Ist eine Aufbauanleitung zu finden? Wer sind die Konstrukteure? Ließe sich mit ihnen über eine konstruktive Änderung verhandeln? Das sind einige Fragen, die die Konsumenten an das Internet stellen, zum großen Teil noch sehr spontan, individualistisch, untrainiert im Umgang mit diesem Medium, aber dauernd die Grenzen ertastend und darüber hinaus drängend. Man fragt eine anonyme, universelle Fachmaschine, die maschinell antwortet, und man bestückt sie - freiwillig oder auch unwissend - mit eigener Information.
(43) In der Freizeit wird sich der Umgang mit dem Netz prinzipiell nicht von dem während der Arbeitszeit unterscheiden. Zwar sind die Zugänge in der Freizeit zu bestimmten Informationen aus der Produktion derzeit beschränkt, aber nur weil die Produktion zwanghaft privat, isoliert, unabhängig von der Gesellschaft gehalten wird, weil die Produktion Tauschwerte hervorbringen soll, die zuerst einmal - dummerweise - ihren Wert realisieren, verkauft werden müssen, bevor sie brauchbar werden können.
(44) Andererseits wird in den Betrieben, in der Organisation der Produktion vermöge Vernetzung alles unternommen, um die Produktion äußerst zweckmäßig zu gestalten: Kein Teilprodukt wird als Wert auf einen innerbetrieblichen Markt geworfen, um seinen Wert zu realisieren, sondern es ist ein geplantes Stück des Ganzen, das in dem Ganzen verwendet, eingefügt, konsumiert wird. Die Tätigkeiten der Produzenten sind ganz auf diese Verwendbarkeit hin organisiert. Im Supply-chain- management führen Organisation und Planung über den Betrieb hinaus bis zu den Zulieferern einschließlich des Entwurfs extern zu produzierender Teile und des sie umfassenden Ganzen.
(45) Diese Vorgänge sind hochgradig informatisiert, das heißt digital und vernetzt. Sicherlich ist diese Vernetzung noch nicht vollständig, aber die Konkurrenz um die Realisierung der Tauschwerte erzwingt es, diese Vernetzung ständig zu erweitern und bis in den Freizeitbereich zu öffnen. Wenn die Individuen als Produzenten die Informatisierung vervollständigen und vollständig nutzen sollen, um konkurrenzfähige Tauschwerte zu produzieren, so werden die Individuen als Konsumenten mittels der Vernetzung günstig an günstige Tauschwerte herankommen wollen. Oder, wie THILO WEICHERT in Bezug auf die Grundrechte schreibt: "Es geht vor allem um die Neudefinition der sozialen Rollen der Menschen in einer neuen informationstechnisch global gewordenen Umwelt. Informationelle Selbstbestimmung setzt Zugang zu Informationen und deren demokratische Nutzung voraus." (Grundrechte in der Informationsgesellschaft - vergiss es? In: Datenschutz Nachrichten 1/2000, S. 5-7)
(46) Die Tätigkeiten aller einzelnen bilden den Weltmarkt, der sich gegenüber dem einzelnen mit der Fortentwicklung des Tauschwerts und seiner Geldverhältnisse verselbständigt hat. Die Konsumierenden und Produzierenden werden unabhängiger und gleichgültiger zueinander, während Produktion und Konsumtion zusammenhängender und abhängiger werden. Virus-Attacken im Internet und die Möglichkeiten eines Information-war unterstreichen den hergestellten Zusammenhang und die persönliche Gleichgültigkeit. Der Zusammenhang ist durch und durch materiell und findet in der Vernetzung ein virtuelles Spiegelbild, das zugleich einen ganz materiellen Apparat bildet: Der Zusammenhang wird technisiert, mechanisiert, maschinisiert; er wird ein allseits zugängliches, ein allgemeines und gleichzeitig ein einziges Gerät. Zusammen mit den Transportmitteln ergeben sich neue Verkehrsverhältnisse, die auf den Punkt zuführen könnten, von dem an nicht mehr einsichtig ist, warum isoliert, unabhängig voneinander und aneinander vorbei produziert werden soll, obwohl die Produktion sichtlich vernetzt ist, obwohl die Pflege der "Customer-relationship" auch die Konsumtion mit der Produktion verbindet sowie Konsumenten und Produzenten - diese zwei Seiten der Individuen - miteinander diskutieren läßt. Soll man die Produktion weiterhin in Isolation und Unabhängigkeit halten und dadurch zufällige und schwankende Austauschverhältnisse provozieren, wo man andererseits mittels Informatisierung und Vernetzung der Produktion alles unternimmt, um diese Zufälle und Schwankungen auszuschließen? Von dem Moment an, wo diese Frage zu verneinen ist, wird für den Tauschwert die Sinnfrage gestellt. Oder in MARX' Worten: "Es kann also nichts falscher sein, als auf der Grundlage des Tauschwerts, des Geldes, die Kontrolle der vereinigten Individuen über ihre Gesamtproduktion vorauszusetzen." (MEW 42, S. 92) Die Produktion von Tauschwerten wird dann keinen Sinn mehr machen, wenn individuelles, lokales, regionales Wissen sowie die Darstellung des produktiven Vermögens in einer überall zugänglichen Informationsmaschine verfügbar sind, wenn jedes Individuum auf diesen Schatz an Information zugreifen und sich zweckgerichtet mit anderen zu praktischem Tun verabreden kann - und zur Sicherung seines Lebensunterhalts auch muß. Virus-Attacken und Information-war dürften in einer solchen Gesellschaft keine Vorteile mehr einbringen; die Verursacher würden sich selbst schaden.
(46.1) 12.01.2002, 19:36, Werner Imhof: Das klingt, als würde eine neue Gesellschaft aus purer Einsicht entstehen (können). Doch die Produktion von Tauschwerten wird solange Sinn machen und vehement verteidigt werden, wie es Klassen gibt, die von ihr profitieren, weil sie der Aneignung unbezahlter Arbeit dient, und wie die gesellschaftlichen Produzenten sich nicht als solche verstehen und die Produktion für den Austausch, damit auch das Geld, als destruktiven Anachronismus begreifen. Um die Produktion von Tauschwerten tatsächlich zu beenden, braucht es deshalb etwas mehr als eine überall zugängliche Informationsmaschine, nämlich die praktische, sachliche und technische, Herrschaft der gesellschaftlichen Individuen über die Produktionsmittel, ohne die sie von der Beherrschung der Produktionszwecke und -folgen nur träumen können. Und diese Herrschaft wiederum ist nicht zu erreichen durch zweckgerichtete Verabredungen sich autonom dünkender Individuen zu praktischem Tun, sondern durch die organisierende Tätigkeit organisierter Individuen.
(46.1.2) 25.03.2002, 15:31, Wolf Göhring: Der satz "Soll man die Produktion weiterhin in Isolation und Unabhängigkeit halten und dadurch zufällige und schwankende Austauschverhältnisse provozieren, wo man andererseits mittels Informatisierung und Vernetzung der Produktion alles unternimmt, um diese Zufälle und Schwankungen auszuschließen?" verweist auf die materialistische dialektik und die darin eingeschlossene praktische bewegung. Er verweist - ganz kurz - auf die revolutionaere praxis.
Das satzstueck "als destruktiven Anachronismus begreifen" ist inhaltlos, weil "anachronismus" die vollstaendigste abstraktion einer heutigen zeit gegen eine ebensolche abstraktion einer vergangenen zeit stellt. Was an dieser gegeneinanderstellung zerstoererisch ist, ist ebenso nebelumwallt leer. Nimmt man das satzstueck als appell, so bleibt's bloss moralisch.
(46.1.3) 25.03.2002, 15:42, Wolf Göhring: Die kuenftige revolution kommt nicht wie der sturm auf die bastille daher, sondern sie entwickelt sich im taeglichen klein-klein der "zufaelligen und schwankenden austauschverhaeltnisse" (Marx: Kapital I, s. 89 Wertgesetz), indem die austauschenden eine hinlaengliche stabilitaet zu erzeugen trachten. Tarif- und liefervertraege, kuendigungsfristen, festpreise, qualitaetsnormen, garantiefristen sind einige zu diesem zweck kollektiv gesetzte regeln. Mit der planung wurde in den sozialistischen laendern eine aehnliche stabilitaet verfolgt, ohne sie erreichen zu koennen, weil der individuelle konsum auf dem austausch fusste. Dieser warenaustausch liess sich der unterentwickelten kommunikationsmoeglichkeiten wegen nicht aendern, im westen wie im osten nicht. Aber der taeglich erlebte widerspruch beim austausch treibt uns alle dazu, nach mitteln und wegen zu suchen und uns so schlau zu machen, dass man im austausch nicht der grosse verlierer ist. In der heutigen weltumspannenden informations- und kommunikationstechnik wurden neue mittel und wege geschaffen, die bekanntes wie wort und schrift ergaenzen. Diese technik wurde weltumspannend, weil der austausch ein weltumspannendes system des stoffwechsels hervorgebracht hat. Dieser stoffwechsel findet in der informations- und kommunikationstechnik in doppelter weise ein spiegelbild: (a) die technik als hardware ist weltumspannend angelegt und (b) in den in ihr angelegten daten wird information ueber den konkreten stoffwechsel nachgehalten.
(46.1.4) 25.03.2002, 16:22, Wolf Göhring: "die praktische, sachliche und technische, Herrschaft der gesellschaftlichen Individuen über die Produktionsmittel" wird gerade vor unsern augen und durch uns mittels der weltumspannenden informations- und kommunikationsmaschine entwickelt. Gewiss stellen wir uns noch etwas daemlich damit an, weil wir voellig ungeuebt darin sind, dieses neue mittel mehr als nur vorsichtig und nochmals vorsichtig zu nutzen, zumal wir auch dauernd davon abgelenkt werden, es in ernsten produktiven zusammenhaengen zu nutzen und vielfach auch weder koennen noch duerfen. Vor allem wenn "wir" gar keinen zugang haben wie auf vielen quadratmeilen der dritten welt.
Aber auch dort wird das zeugs verkauft, weil sich die von den zufaellen des austauschs gebeutelten linderung versprechen und weil der verkauf die realisierung des mehrwerts verspricht. Der hintertreppenwitz der geschichte ist, dass die kapitalisten mit der vernetzung ein produkt produzieren lassen und verkaufen muessen, das ihre eigene rolle als private, unabhaengige, isolierte produzenten unterminiert. Dabei gehoert zur technik untrennbar die menschliche seite, naemlich die faehigkeit, diese technik zu produzieren, aufzustellen und zu nutzen. Da nun die mehrwertaneigner bekanntlich nicht selbst schuften, sondern schuften lassen muessen, muessen sie sukzessive an den arbeitsplaetzen die vernetzung verfuegbar machen und die leute anweisen, diese technik zu nutzen. Gewiss soll dies nur in dem rahmen geschehen, der dem besonderen aneigner unbezahlter mehrarbeit lieb ist, aber da dieser genauso den zufaellen des austauschs ausgesetzt ist, muss er die anwendung der vernetzung immer wieder neu bestimmen und letztlich ausdehnen, was seiner rolle als privatier zuwiderlaeuft, aber unvermeidlich ist. In dieser weise zeigt sich der widerspruch zwischen der produktivkraft "vernetzung" und der privaten, unvernetzten, produktion, die auf den austausch unabhaengig voneinander produzierter gueter ausgerichtet ist.
Mit der ausdehnung der vernetzung entwickeln die tatsaechlichen produzenten (und nicht etwa die aneigner unbezahlter arbeit) "die praktische, sachliche und technische Herrschaft über die Produktionsmittel", denn sie tun's in der praktischen arbeit in der produktion, denn sie verallgemeinern die sachkompetenz ueber die produktion, indem sie sie allgemein zugaenglich machen, denn sie nutzen die allgemein zugaengliche, technische information ueber die produktion.
(47) Persönliche Abhängigkeitsverhältnisse - zuerst ganz naturwüchsig - sind die ersten Gesellschaftsformen, in denen sich die menschliche Produktivität entwickelt, jedoch nur in geringem Umfang und isoliert, schreibt MARX (MEW 42, S. 91). Diese Verhältnisse wurden, wie eingangs skizziert, in der Neuzeit aufgelöst. Persönliche Unabhängigkeit, auf sachlicher Abhängigkeit gegründet, ist für MARX die zweite Form, gegeben in der kapitalistischen Gesellschaft, worin sich erstmals ein System des allgemeinen gesellschaftlichen Stoffwechsels, der universellen Beziehungen allseitiger Bedürfnisse und universeller Vermögen gebildet hat (ebd.). "Die Notwendigkeit (in der zweiten Form, W. G.), Produkt und Tätigkeit der Individuen erst in Tauschwert, in Geld, zu verwandeln, und daß sie erst in dieser sachlichen Form ihre gesellschaftliche Macht erhalten und beweisen, beweist zweierlei: 1. daß die Individuen nur noch für die Gesellschaft und in der Gesellschaft produzieren; 2. daß ihre Produktion nicht unmittelbar gesellschaftlich ist, nicht das Ergebnis ihrer Assoziation, die die Arbeit unter sich verteilt. Die Individuen sind unter die gesellschaftliche Produktion subsumiert, aber die gesellschaftliche Produktion ist nicht unter die Individuen subsumiert, die sie als ihr gemeinsames Vermögen handhaben. Die gesellschaftliche Produktion besteht als ein Verhältnis außer ihnen." (Hervorhebung bei MARX, S. 92) Innerhalb dieser Form, der auf dem Tauschwert beruhenden Gesellschaft erzeugt diese sowohl Verkehrs- als auch Produktionsverhältnisse, die den Schritt auf die dritte Stufe gestatten (S. 93), die MARX so charakterisiert: "Freie Individualität, gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen und die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität als ihres gesellschaftlichen Vermögens, ist die dritte Stufe." (S. 91)
(48) Das Folgende ist dieser MARXschen Prognose über die dritte Stufe gewidmet, auf der die Produktion von Tauschwerten entfällt. Die Warenproduktion wird nicht durch Dekret aufgehoben (Das Elend der Philosophie, MEW 4, S. 159), sondern um dorthin zu gelangen, muß es Mittel und Wege geben, mit denen man Mängel in der Produktion der Waren und Kraftakte bei ihrem Austausch vermeiden kann, ohne sich neue und gröbere Mängel und Kraftakte einzuhandeln. Anderes wäre - nach MARX - Donquichotterie (S. 93). Will man enttäuschenden Austausch der Waren vermeiden, so ist zuvor untereinander zu verabreden, was wie und wozu zu produzieren ist. Diese Planung ist zeitaufwendig und wird nur in dem Maß geleistet, wie sie möglich ist und wie sich ein Nutzen erwarten läßt, wie sich ein Vorteil gegenüber weniger verbundener, isolierter Arbeit einstellt. Die Verabredungszeit gehört zur Arbeitszeit in der Produktion. In dem Maß, in dem diese Gesamtarbeitszeit unter derjenigen bei isolierter Arbeit liegt (einschließlich der Behebung der Schäden, die Zufälle und Konkurrenz beim Austausch der Produkte hervorrufen), und in dem Maß, in dem die verabredeten Tätigkeiten zumindest zu gleich nützlichen Produkten führen, werden solche Verabredungen getroffen. Die Vernetzung scheint, wie oben dargelegt, auf solche Verabredungen hinzuführen, die MARX den "Austausch von Tätigkeiten" anstelle von Produkten nannte. Der Austausch von Tätigkeiten, die durch gemeinschaftliche Bedürfnisse und Zwecke bestimmt sind, ist kein Austausch von Tauschwerten und schließt von vorneherein die Teilnahme des einzelnen an der gemeinschaftlichen Produktenwelt ein. Sein Produkt wird nicht erst in eine besondere Form - Geld - umgesetzt, um einen allgemeinen Charakter für den einzelnen zu erhalten. Seine Arbeit ist von vorneherein gesellschaftlich (S. 104 f.), weil mit anderen Individuen verabredet, die sich ihrerseits mit weiteren verabreden usw.
(48.1) 12.01.2002, 19:11, Werner Imhof: Ich habe lange versucht, diesem Absatz eine sinnvolle praktische Bedeutung abzugewinnen, aber vergeblich. Du beschreibst bzw. beschwörst hier einen Prozeß, dessen nähere Voraussetzungen völlig im Dunkeln liegen, sein Subjekt bleibt ein unfaßliches, gestaltloses "man". Wo soll dieser Prozeß ablaufen können? Unter den heutigen ökonomischen und politischen Machtverhältnissen? Das wäre ein "seichter Utopismus", wie Marx gesagt hätte. Aber auch die Annahme, daß hier stillschweigend eine Revolution vorausgesetzt ist, die die Macht der Kapitalisten gebrochen hätte, macht die Geschichte nicht plausibler.
Angenommen, die Lohnabhängigen hätten die Betriebe unter ihre Kontrolle gebracht mit dem Ziel, die Warenproduktion aufzuheben. "Um dorthin zu gelangen", sollen sie ihre Produkte aber weiter als Waren, also für den Austausch gegen Geld produzieren, nur auf eine Art und Weise, die ihnen die bisher bekannten "Mängel" und "Kraftakte" in Warenproduktion und -zirkulation erspart. Die Warenproduktion soll also überwunden werden durch - ihre "Harmonisierung" oder "Optimierung". Daß Marx derlei gefordert und "anderes" "Donquichoterie" genannt hätte, ist ein groteskes Mißverständnis, wie jede/r selbst nachlesen kann.
Das Mittel, das die wundersame Metamorphose der Warenproduktion in gemeinschaftliche Produktion (den "Umkehrpunkt der Produktionsweise", wie es im nächsten Absatz heißt) herbeiführen soll: "Will man enttäuschenden Austausch der Waren vermeiden, so ist zuvor untereinander zu verabreden, was wie und wozu zu produzieren ist." Nun mögen solche partiellen Verabredungen (und andere, gesamtgesellschaftliche sind nicht gemeint) ja helfen, manche Enttäuschung zu vermeiden, nicht aber den Austausch selbst und damit die Wertform der Produkte, die alle Verabredungen den Zwängen der Tauschwertrealisierung unterwirft.
Verabredungen darüber, was wie und wozu zu produzieren ist, sind im Kapitalismus gang und gäbe. Auch heute schon werden die meisten Produktionsmittel und ein großer Teil der Konsumtionsmittel auf Bestellung produziert, wird betriebs- und unternehmensübergreifende Kooperation entwickelt u.a.m. Nur hat all das bisher weder der Warenproduktion Abbruch getan noch ihre Mängel und Enttäuschungen, ihre Reibungen, Konflikte und Krisen verhindern können. Denn alle Verabredungen dienen immer noch der Produktion von Waren, genauer: der Produktion von Warenkapital; und die "gemeinschaftlichen Bedürfnisse und Zwecke", durch die sie bestimmt sind, sind Bedürfnisse und Zwecke der Verwertung.
Das würde sich nicht schon dadurch ändern, daß die Betriebe in Belegschaftshände übergehen. Solange die Belegschaften an der Warenproduktion festhielten, müßten ihre Produkte einen Tauschwert oder Preis erhalten und realisieren, der ihnen nicht nur die Kosten der Produktionsmittel und die Löhne ersetzt, sondern auch einen Anteil an der gesellschaftlichen Mehrwertmasse verschafft. Auch wenn es keine Kapitalisten mehr gäbe, die ihren Konsum aus dem Mehrwert bestreiten, kämen die Belegschaften als neue "Herren" der Produktion doch nicht darum herum, Mehrarbeit für ein Mehrprodukt zu leisten und dieses in Geld, in Profit, zu verwandeln, wenn die Produktion nicht auf dem Niveau bloßer Reproduktion stagnieren soll. Sie mögen diesen Zwang als "gemeinschaftliches Bedürfnis" nach Wirtschaftswachstum, Modernisierung, Wettbewerbsfähigkeit und ähnlichen abstrakten Zwecken auffassen - die konkrete gemeinschaftliche Kontrolle über Zusammensetzung, Umfang und Verteilung dieses Mehrprodukts bliebe ihnen ebenso verschlossen wie die Kontrolle über ihre Gesamtproduktion überhaupt, weil (oder solange) jede Belegschaft als Privatproduzent auftritt, nur den eigenen Betrieb und Absatz im Auge hat und alle Verabredungen der Privatproduzenten untereinander dem Vorbehalt der Zahlungsfähigkeit unterliegen.
Doch Du meinst nun, die Ausbreitung und "Vernetzung" solch partieller, die Warenproduktion optimierender Verabredungen "scheint, wie oben dargelegt, auf solche Verabredungen hinzuführen, die Marx den 'Austausch von Tätigkeiten' anstelle von Produkten nannte". In den vorherigen Darlegungen war nun zwar schon von zweckgerichteten Verabredungen "zu praktischem Tun" die Rede, aber was ein "Austausch von Tätigkeiten anstelle von Produkten" sein soll und wie Verabredungen unter Warenproduzenten zu ihm hinführen sollen, habe ich ihnen nicht entnehmen können. Was also könnte es bedeuten?
Zunächst zu Marx und dem ominösen "Austausch von Tätigkeiten anstelle von Produkten". Um zu verstehen, worum es geht, muß man die Stelle, auf die Du Dich beziehst, natürlich im Zusammenhang lesen. Marx geht dort (bei mir, Ausgabe Berlin 1974, S. 85 ff.) der Frage nach, warum denn im Rahmen der Warenproduktion die Arbeitszeit als inhärentes Maß und Substanz der Tauschwerte nicht "auch unmittelbar als ihr Geld dienen könne" (86). Er läßt sich auf die Frage ein, um sie ad absurdum zu führen: "Die Arbeit des Einzelnen, im Akt der Produktion selbst betrachtet, ist das Geld, womit er unmittelbar das Produkt, den Gegenstand seiner besondren Tätigkeit kauft..." (88) Das "Kaufen" des Produkts der eigenen Arbeit klingt natürlich verrückt, aber es entspricht der fingierten Funktion der Arbeit als Geld innerhalb der Warenproduktion. "...aber es ist ein besonderes Geld, das eben nur dies bestimmte Produkt kauft. Um unmittelbar das allgemeine Geld zu sein, müßte sie von vornherein nicht besondre Arbeit, sondern allgemeine sein, d.h. von vornherein als Glied der allgemeinen Produktion gesetzt sein. In dieser Voraussetzung aber würde nicht erst der Austausch ihr den allgemeinen Charakter geben, sondern ihr vorausgesetzter gemeinschaftlicher Charakter würde die Teilnahme an den Produkten bestimmen." (Ebd.)
Denn das "Geld", das jeder einzelne Produzent in den "Austausch" würfe, wäre sein individueller Anteil an der gemeinsamen Gesamtarbeit, und das Produkt, das er dafür "kaufte", wäre ein entsprechender (in Arbeitszeit bemessener) Anteil am gemeinsamen Gesamtprodukt. Und nun kommt der Satz, auf den allein Du Dich beziehst: "Der ursprünglich in der Produktion stattfindende Austausch - der kein Austausch von Tauschwerten wäre, sondern von Tätigkeiten, die durch gemeinschaftliche Bedürfnisse bestimmt wären, durch gemeinschaftliche Zwecke - würde von vornherein die Teilnahme des Einzelnen an der gemeinschaftlichen Produktenwelt einschließen." (Ebd.) Was hier gegenübergestellt wird, ist nicht der "Austausch von Tätigkeiten" und der von Produkten, sondern der Austausch von Tauschwerten und der "Austausch" von Nicht-Tauschwerten. Von einem "Austausch von Tätigkeiten, die durch gemeinschaftliche Bedürfnisse bestimmt wären" (man beachte den Konjunktiv), ist hier nur deshalb die Rede, weil Marx der unsinnigen Frage nachgeht, ob denn in der Warenproduktion die Arbeit des einzelnen nicht zugleich allgemeines Tauschmittel sein könne. Sein Fazit: "Die Arbeit des Einzelnen also unmittelbar zum Geld machen wollen (d.h. auch sein Produkt), zum realisierten Tauschwert, heißt sie unmittelbar als allgemeine Arbeit bestimmen, d.h. eben die Bedingungen negieren, unter denen sie zu Geld und Tauschwerten gemacht werden muß, und vom Privataustausch abhängt. Die Forderung kann bloß befriedigt werden unter Bedingungen, worin sie nicht mehr gestellt werden kann." (89)
Der "Austausch von Tätigkeiten, die durch gemeinschaftliche Bedürfnisse bestimmt wären", von dem hier - und nur hier, in diesem speziellen Zusammenhang - die Rede ist, wäre natürlich die Negation des Privataustausches, wäre unmittelbare gesellschaftliche Kooperation, in der weder die Arbeit noch die Produkte, die sie hervorbringt, Wertform annehmen, als Tauschwerte erscheinen könnten. Die gemeinsame Arbeitszeit bliebe gemeinsame Arbeitszeit, ohne sich in Tauschwerte und Geld verwandeln zu können, weil der Austausch (ohne Anführungszeichen) von Arbeiten (Tätigkeiten) und Produkten, also Eigentümerwechsel von Äquivalenten, ausgeschlossen wäre. Der einzige Vorgang, der hier mit dem Prinzip des Warenaustausches vergleichbar wäre, wäre der, daß der individuelle Anteil an der Gesamtarbeit den individuellen Anteil "an der Produktenwelt, an der Konsumtion" bestimmen würde (wobei Marx hier der Einfachheit halber unterstellt, daß die ganze Produktenwelt nur aus Konsumtionsmitteln bestünde, was bei realer Produktion ein Unding wäre). Das aber wäre kein Privataustausch, sondern ein Austausch des individuellen Produzenten mit der Produzentengemeinschaft, also einfache Verteilung nach der Leistung, wie Marx sie in der Kritik des Gothaer Programms näher betrachtet hat.
Wenn Marx im Zusammenhang mit gemeinschaftlicher, direkt gesellschaftlicher oder kommunistischer Produktion überhaupt den Begriff "Austausch" verwendet (selten genug, meines Wissens nach den "Grundrissen" nicht mehr), dann geht immer aus Zusammenhang und Formulierung eindeutig hervor, daß damit gerade kein Äquivalententausch gemeint ist. So z.B. auf S. 76 f., wo er den "private(n) Austausch aller Arbeitsprodukte, Vermögen und Tätigkeiten" (!) abhebt gegen den "freien Austausch von Individuen, die assoziiert sind auf der Grundlage der gemeinsamen Aneignung und Kontrolle der Produktionsmittel". Nicht anders im vorliegenden Fall, auf den Du meinst, Dich stützen zu können.
Daß Du diese Formulierung aus dem Zusammenhang reißt, der sie erst verständlich macht, und ausgerechnet sie zur Charakterisierung einer Produktionsweise benutzt, die den Äquivalententausch (von Produkten wie von Tätigkeiten) gerade ausschließen würde, sie dabei noch verdrehst zu einem "Austausch von Tätigkeiten anstelle von Produkten" (als handle es sich um die gleiche gesellschaftliche Praxis mit nur verschiedenen Objekten), zeigt, daß Du Dir auch gemeinschaftliche oder unmittelbar gesellschaftliche Produktion offenbar nur nach dem Prinzip des Äquivalententauschs vorstellen kannst. Du möchtest den Austausch von Tauschwerten aufheben, ohne sein Prinzip aufzuheben. Das führt zu einer weiteren Verdrehung des Marxschen Gedankengangs.
Die Arbeit, sagt Marx, könnte nur unter Bedingungen als Tauschmittel fungieren, unter denen gar nicht mehr getauscht werden muß, wenn nämlich "gemeinschaftliche Produktion ... vorausgesetzt, die Arbeit des Einzelnen von vornherein als gesellschaftliche Arbeit gesetzt" ist (88). Was machst Du daraus? "Seine (des einzelnen) Arbeit ist von vornherein gesellschaftlich, weil" - ja, weil? - "mit anderen Individuen verabredet, die sich ihrerseits mit weiteren verabreden usw." Dadurch eben noch nicht. Du legst Dir den Satz so zurecht, daß die entscheidende Bestimmung - gemeinschaftliche Produktion, in der allein die Arbeit des einzelnen als gesellschaftliche "gesetzt" wäre - unter den Tisch fällt und der Unterschied zur Warenproduktion verschwimmt. Das macht nun allerdings auch verständlich, wieso für Dich Verabredungen von Warenproduzenten, die "enttäuschenden Austausch" vermeiden sollen, schon zur Aufhebung der Warenproduktion tendieren, "hinführen".
Doch tatsächlich gemeinschaftliche Produktion ist nicht schrittweise oder linear im Rahmen der Warenproduktion selbst (oder an ihrem Rande, wie Du in einem anderen Text mal geschrieben hast) zu entwickeln, auch nicht unter den Bedingungen einer erfolgreichen Entmachtung der Kapitalisten, mit der das Kapitalverhältnis selbst noch längst nicht aufgehoben wäre. Die nach wie vor lohnabhängigen Produzenten könnten noch so viele Verabredungen treffen, um "enttäuschenden Austausch" zu vermeiden, es blieben Verabredungen zur Produktion von Waren mit den der Waren- und Kapitalform eigentümlichen Zwängen, Tendenzen, Risiken und Interessengegensätzen, und zwar je länger, desto fühlbarer. Wollten sie aber Verabredungen über ihre Gesamtproduktion treffen und ihre Arbeit endlich gemeinschaftlichen Bedürfnissen und Zwecken unterordnen (wozu sonst hätten sie die Kapitalisten entmachtet?), würden sie sehr schnell merken, daß ihnen die Wertform ihrer Produkte dabei im Wege steht. Sie hätten dann zwei Möglichkeiten: Entweder blieben sie bei der Warenproduktion, dann müßten sie die Regelung der Gesamtproduktion an eine übergeordnete, außerökonomische Instanz abtreten, an eine Staatsgewalt, die die Gesellschaftlichkeit der selbst dazu unfähigen Individuen zu ersetzen oder zu simulieren hätte. Oder sie würden sich zu einer gesamtgesellschaftlichen Kraftanstrengung aufraffen müssen, die einiges an Organisiertheit und Organisierung erfordern dürfte, und in einem (relativ) kurzen Prozeß die Produktion für den Austausch suspendieren und mit ihm das Geld.
(48.1.1) 25.03.2002, 19:15, Wolf Göhring: Werner, ich hab deinem langen streifen (wie waer's, wenn du die absaetze einzeln kommentierbar machst, indem du sie als einzelne kommentare hintereinander losschickst?) zunaechst mal entnommen, dass du einiges ueberlesen und missverstanden hast.
Obwohl ich das kapitel mit "warenproduktion aufheben" betitelt habe, unterstellst du mir "Die Warenproduktion soll also überwunden werden durch - ihre 'Harmonisierung' oder 'Optimierung'." Du kommst zu der aussage "solche partiellen Verabredungen (und andere, gesamtgesellschaftliche sind nicht gemeint)", ohne auch nur anzudeuten, was bei etwas ueber 6 milliarden leuten eine gesamtgesellschaftliche verabredung (oder planung) sein koennte. Ich habe - knapp zwar - mit einigen technischen (somit materialistischen und nicht bloss ideologischen) gruenden in den abschnitten 53, 56 und 57 darauf hingewiesen, dass es einen totalen, allumfassenden plan, in diesem sinn eine gesamtgesellschaftliche planung nicht geben kann. Hans Kalt hat in "Stalins langer Schatten" ausfuehrlich die praktische und technische seite dieses problems in der sowjetunion behandelt.
Mich erschuettert das fehlen einer "gesamtgesellschaftlichen" planung im massstab von 6 milliarden menschen nicht, denn die dialektik verschwindet nicht. Sie duerfte sich gerade aus dieser unmoeglichkeit speisen. Andererseits muss man sich herantasten, wie trotz allem der austausch von produkten aufgehoben werden kann. Niemand wird dies vollstaendig aufschreiben koennen, sonst wuerde er naemlich ueber die koepfe dieser 6 milliarden hinwegschreiben. Man wird stueckchenweise das allgemeine der bewegung darstellen koennen, in der wir (= 6 milliarden) versuchen werden, so zusammenzuwirken, dass sich der austausch von produkten eruebrigt. (Zu dieser bewegung ist etwas in abschnitt 51 geschrieben, auch wenn Werner dort die kinder, kranken und alten vermisst.)
Um die missverstaendnisse etwas auszuraeumen hab ich den absatz 48, auf den sich Werners kritik bezieht, etwas ausfuehrlicher formuliert (so auch im maerz-heft von UTOPIEkreativ zu finden).
(48.1.2) 25.03.2002, 19:20, Wolf Göhring: Neufassung des abschnitts 48:
Das folgende ist dieser MARX’schen Prognose über die dritte Stufe gewidmet, auf der die Individuen ihre Produktion weltweit so organisieren, daß der Austausch der Produkte entfällt. Um dorthin zu gelangen, muß es Mittel und Wege geben, mit denen man Mängel in der Produktion und Kraftakte beim Austausch der Produkte überwinden kann, ohne sich in der neuen Produktionsweise gröbere Mängel und Kraftakte einzuhandeln. Anderes wäre – nach MARX – Donquichoterie (S. 93). Will man enttäuschenden Austausch der Produkte vermeiden, so ist der Austausch selbst zu vermeiden. Man hat zuvor untereinander zu verabreden, was wie wozu, für wen und mit wem zu produzieren ist, so daß es gar nicht mehr zum Austausch von Produkten kommt. Diese Planung ist zeitaufwendig und wird nur in dem Maß geleistet, wie sie möglich ist und wie sich ein Nutzen erwarten läßt, wie sich ein Vorteil gegenüber weniger verbundener, isolierter Arbeit einstellt. Die Verabredungszeit gehört zur Arbeitszeit in der Produktion. In dem Maß, in dem diese Gesamtarbeitszeit unter derjenigen bei isolierter Arbeit liegt (einschließlich der Behebung der Schäden, die die zufälligen Erschütterungen beim Austausch der Produkte hervorrufen), und in dem Maß, in dem die verabredeten Tätigkeiten den Individuen zumindest gleich nützliche Produkte wie sonst beim Produktentausch in die Hände spielen, werden solche Verabredungen getroffen. Die Vernetzung scheint, wie oben an einigen Spielarten von E-Commerce dargelegt, auf solche Verabredungen hinzuführen, die MARX den "Austausch von Tätigkeiten" (S. 104) anstelle von Produkten nannte. Der Austausch von Tätigkeiten, die durch gemeinschaftliche Bedürfnisse und Zwecke bestimmt sind, ist kein Austausch von Tauschwerten und schließt von vorneherein die Teilnahme des Einzelnen an der gemeinschaftlichen Produktenwelt ein. Sein Produkt wird nicht erst in eine besondre Form – Geld – umgesetzt, um einen allgemeinen Charakter für den einzelnen zu erhalten. Seine Arbeit ist von vorneherein gesellschaftlich, indem er sie in ein Netz von Verabredungen einwebt. (S. 104, 105)
(48.1.3) 25.03.2002, 19:34, Wolf Göhring: Werner schreibt in seinem heuhaufen: "Verabredungen darüber, was wie und wozu zu produzieren ist, sind im Kapitalismus gang und gäbe." Das "ist ein groteskes Mißverständnis" (Werner), wie sich jeder in der gesellschaftlichen praxis ueberzeugen kann. Denn wo ist im kapitalismus die "freie Individualität, gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen und die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität als ihres gesellschaftlichen Vermögens" als "dritte Stufe" gesellschaftlicher entwicklung?
Das war der im 1. satz von absatz 48 ausdruecklich genannte kontext zur formulierung "Verabredungen darüber, was wie und wozu zu produzieren ist".
"Was ein 'Austausch von Tätigkeiten anstelle von Produkten' sein soll und wie Verabredungen unter Warenproduzenten zu ihm hinführen sollen, habe ich ihnen nicht entnehmen können," schreibt Werner. Da es um die "MARXsche Prognose über die dritte Stufe" geht, in der es keine waren mehr gibt, kann sich's auch nicht um warenproduzenten handeln. Deshalb ist das, was Werner "nicht entnehmen" konnte, auch nicht drin.
Auch die weiteren kommentare, in denen Werner im absatz 48 die warenproduktion weiter leben laesst, gehen am inhalt dieses absatzes vorbei.
(48.1.4) 25.03.2002, 20:15, Wolf Göhring: Nun etwas zu dem von Werner als ominös, d.h. als "von schlimmer vorbedeutung, unheilvoll, bedenklich, verdaechtig, anruechig" (fremdwoerterduden) bezeichneten "Austausch von Tätigkeiten anstelle von Produkten".
Das anruechige, so dachte ich, sei der austausch von produkten, denn hier ist produziert, hat man gearbeitet, ist zeit vertan, wenn man versucht, dasjenige produkt zu ergattern, das man anstelle des selbst produzierten tatsaechlich braucht. Weil das produkt vergegenstaendlichte arbeit, daher der ganze historisch ueber nahezu 7 jahrtausende gewachsene rattenschwanz an folgen bis hin zum heutigen kapitalverhaeltnis.
Beim austausch von taetigkeiten, bei verabredungen, "tauschen sich" die leute auch "aus", um diese redensart zu verwenden. Aber sie haben noch nicht die produkte, sie wollen erst produzieren. Es ist in diesem "austausch" unmoeglich, werte aufeinander zu beziehen, den produkten einen tauschwert beizumessen. Den noch nicht existenten produkten kann nichts beigemessen werden! Die leute "tauschen sich miteinander aus", naemlich darueber, was sie tun wollen, tun werden. Ihr gegenwaertiges palaver betrifft - anders als beim austausch von produkten - ihre kuenftige taetigkeit. Beim produktentausch palavern sie beim feilschen ueber den preis ueber ihre vergangenheit: "Das hat mich soundsoviel zeit gekostet."
Das palaver ueber die zu erledigende arbeit kann, wenn es zu etwas fuehren soll, nicht allgemeines gequatsche sein, sondern es wird mit wechselnder detaillierung und mit wechselnder beteiligung ueber die konkreten taetigkeiten der individuen zu sprechen sein, auch ueber ihre faehigkeiten aufgrund erworbener geschicklichkeit oder einschraenkungen aufgrund kindheit, alter, krankheit. Ein wichtiges element im palver wird die frage sein, wer mit welchem einsatz was machen wird. Indem die individuen ihre absichten, bestimmtes zu tun, neben einnander stellen, mit einander verbinden, "tauschen sie taetigkeiten aus", kooperieren sie, entwickeln sie ihre zusammenarbeit, setzen sie ihre individuelle taetigkeit als gemeinschaftliche.
Welche stabilen und wechselnden konturen solche "freien assoziationen" annehmen werden, welche konsensmechanismen sie besitzen werden, welche uebergreifenden formen unter sachlichen und räumlichen aspekten sie entwickeln werden, kann heute kaum erahnt werden.
Eines duerfte aber sicher sein: Einheitsregeln wird es nicht geben.
(48.1.5) 25.03.2002, 21:04, Wolf Göhring: Freundlicherweise hat Werner eine laengere stelle, als ich es mit dem knappen "austausch von taetigkeiten" tat, "aus dem zusammenhang gerissen" und kommentiert. Zunaechst nochmal die von Werner zitierte stelle:
"Die Arbeit des Einzelnen, im Akt der Produktion selbst betrachtet, ist das Geld, womit er unmittelbar das Produkt, den Gegenstand seiner besondren Tätigkeit kauft..." (88) "...aber es ist ein besonderes Geld, das eben nur dies bestimmte Produkt kauft. Um unmittelbar das allgemeine Geld zu sein, müßte sie von vornherein nicht besondre Arbeit, sondern allgemeine sein, d.h. von vornherein als Glied der allgemeinen Produktion gesetzt sein. In dieser Voraussetzung aber würde nicht erst der Austausch ihr den allgemeinen Charakter geben, sondern ihr vorausgesetzter gemeinschaftlicher Charakter würde die Teilnahme an den Produkten bestimmen." (Ebd.)
Dies zu interpretieren, ist nun wirklich spannend. Man kann's auf 3 arten tun:
(A) formal-logisch, wie in mathematik und technik
(B) idealistisch-dialektisch, d.h. hegelianisch und schliesslich
(C) historisch-materialistisch-dialektisch.
Um das ergebnis vorwegzunehmen: Bei A und B findet man Werners ergebnis, bei C findet sich meine interpretation der Marx'schen wendung.
Die details hoffe ich in den naechsten tagen verstreuen zu koennen. Bis bald und tschues!
(49) So naheliegend der Umkehrpunkt der Produktionsweise hier gezeichnet erscheinen mochte, so schwierig dürfte der Weg sein, der bis dahin zu beschreiten wäre. Ein virtuelles Unternehmen beispielsweise, verteilt über den Globus, kann Grandioses planen, konstruieren und dessen Bau managen: das größte Flugzeug, den höchsten Wolkenkratzer, die längste Brücke. Doch alle Operationen im Netz sind virtuell, flüchtig wie ein Mausklick. Nur die Bauarbeiter, die aus allen Ländern kommen, vermögen dem virtuellen Unternehmen realen Sinn zu geben, indem sie die Brücke über den Sund schlagen. Wenn diese Produzenten gemeinsam mit allen andern Individuen zugleich ihre eignen "virtuellen" Unternehmer wären, dann könnte man wohl sagen, daß "die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität als ihres gesellschaftlichen Vermögens" stattgefunden hat, wenn auch dieses neue Verhältnis nicht total sein kann, denn die universelle Informationsmaschine, auf die sich abstützen, läßt sich individuell immer nur beschränkt, partiell nutzen. Die Individuen können trotz aller Informiertheit keine absoluten Verabredungen treffen, sondern nur relativ richtige, einigermaßen zweckmäßige. Ihre verabredeten Tätigkeiten werden darum zu Widersprüchen führen, die jedoch von anderer Natur sein dürften, als die Widersprüche, die zu erleben sind, wenn Tauschwerte post festum gegen einander gerückt werden (vgl. WOLF GÖHRING: Informationsurwald).
(50) Gemeinschaftlicher Plan, Dialektik von Abgrenzung und Zusammenhang [7]
(51) Indem sich die Individuen mit anderen verabreden, die sich ihrerseits mit weiteren verabreden usw., entwickeln sie einen gemeinschaftlichen Plan wie MARX ihn verschiedentlich nannte, der Dreh- und Angelpunkt für die Individuen ist und worin sie sich bewußt gesellschaftlich betätigen. Der Plan wird inmitten der Gesellschaft erzeugt, er ist in dieser Weise gesellschaftlich und zentral, nicht zu verwechseln mit einem zentralistischen oder mit einem totalen Plan. Es genügt nicht, daß der Plan von einer Gruppe von Individuen stellvertretend für die andern erzeugt wird, er wäre nicht gesellschaftlich. Kein Individuum erhält Planvorgaben von anderen, die es zu erfüllen hätte; die einzige "Vorgabe" resultiert aus seinen eigenen Bedürfnissen. Sie zu erfüllen, muß es sich mit anderen über die dazu notwendigen Tätigkeiten verabreden.
(51.1) 12.01.2002, 19:16, Werner Imhof: Kinder, Kranke und Alte würden dabei also wohl verrecken. Eine "Gesellschaft", in der die Individuen als einzige Vorgabe die eigenen Bedürfnisse anerkenne, wäre keine Gesellschaft, sondern ein Haufen beziehungsloser Monaden, die nicht einen Tag überleben könnten. In jeder arbeitsteiligen Gesellschaft resultieren aus jedem eigenen Bedürfnis, wenn es denn gesellschaftlich akzeptiert ist, zwangsläufig eine Vielzahl unterschiedlichster Vorgaben für die Teilarbeiten anderer Individuen. Wie sonst kann man von "dazu notwendigen Tätigkeiten" reden?
(51.1.1) Freie Assoziation?, 19.01.2002, 10:52, Stefan Meretz: So sehr ich dir in deiner Kritik, die du in (48.1) formulierst, zustimme, so sehr widerspreche ich dir hier. Der Begriff der "notwendigen Tätigkeiten" ist ein gesellschaftstheoretischer. Er sagt weder etwas darüber aus, was das Notwendige ist, das tätig realisiert sein will, noch, in welcher Weise diese Realisierung organisiert ist. Wenn du hier dir eine Gesellschaft, "in der die Individuen als einzige Vorgabe die eigenen Bedürfnisse anerkennen", nicht als eine solche Grundlage einer Organisationsform vorstellen kannst, dann bleiben nur die verschiedenen gehabten oder noch denkbaren Zwangsformen der Vergesellschaftung, dann ist Essig mit "freier Assoziation". Darin spiegelt in meiner Sicht eine Reihe von theoretischen Problemen wider (vgl. nächster Kommentar).
(51.1.1.1) Re: Freie Assoziation?, 21.01.2002, 18:21, Werner Imhof: Ein "gesellschaftstheoretischer Begriff" ohne erkennbare praktische Bedeutung ist ein Widerspruch in sich. Denn jede Gesellschaft ist nichts anderes als das Ensemble praktischer Beziehungen der Menschen zueinander. Die notwendigen Tätigkeiten, um die es geht, sind produktive. Schließlich ist das Thema gemeinschaftliche Produktion, wie sie aus der bisherigen kapitalistischen Warenproduktion hervorgehen könnte. Kapitalistische Warenproduktion ist entwickelte, durch Austausch vermittelte gesellschaftliche Arbeitsteilung, in der jedes Individuum von der Arbeit anderer abhängig ist. Gemeinschaftliche Produktion hieße, den Austausch aufzuheben, nicht aber die gesellschaftliche Arbeitsteilung (wohl aber die "knechtende Unterordnung" unter sie). D'accords oder nicht? Wenn ja, mußt Du auch die Konsequenz akzeptieren, daß jedes Bedürfnis (von den allerintimsten wie Schlafen und Selbstbefriedigung mal abgesehen) zu seiner Erfüllung eine ganze Reihe oder besser: ein ganzes Geflecht von produktiven Teilarbeiten notwendig macht. Wolf selbst hat das am Beispiel der Tasse Kaffee sehr schön veranschaulicht. Diese notwendigen Tätigkeiten aber wären nichts anderes als "Planvorgaben von anderen". Es wären Vorgaben nicht qua Autorität oder Amt, sondern weil sie aus gesellschaftlich anerkannten Bedürfnissen und stofflich-technischen Zusammenhängen im Produktionsprozeß resultieren und - das kommt hinzu - zum größten Teil auch gar nicht auf dem Wege individueller Verabredungen festlegbar sind. Wir können das gerne mal anhand der Produktionsmittelproduktion, des Bildungswesens, des Gesundheitswesens, der Energieversorgung und anderer Bereiche durchexerzieren. Wogegen ich polemisiere, ist also die absurde Vorstellung, jedes Individuum könne die Bedürfnisse aller anderen Individuen wie auch ihre gemeinsamen Bedürfnisse mißachten und als "einzige 'Vorgabe'" nur seine eigenen Bedürfnisse anerkennen (und so und nicht anders hat Wolf es formuliert). Eine Vorstellung, die natürlich nicht durchzuhalten ist, weil sie jede gesellschaftliche Produktion unmöglich machte (und die Menschen verrecken würden), weshalb Wolf sein Postulat im letzten Satz relativieren muß, ohne es doch aufzugeben.
(51.1.1.1.1) Re: Freie Assoziation?, 22.01.2002, 08:33, Ulrich Leicht: Hier habe ich in mehrerer Hinsicht Fragen und Widerspruch, zumal in Bezug auf das "heillose Durcheinander von Begrifflichkeiten" und damit eben auch Vorstellungen, das Du ja bei anderen verschiedentlich herausstreichst:
"Die notwendigen Tätigkeiten, um die es geht, sind produktive". Was soll das denn heißen? Was bedeutet denn in diesem Zusammenhang produktiv? Da Du wie ich keine kapitalistische Gesellschaft sprich Wert-vergesellschaftungs-form des menschlichen (Zusammen)Lebens willst und meinen kannst, dürfte eine (kapital)produktive, wert-und mehrwertbildende Tätigkeit (die Du, wie Deine anderen Aussagen hier und an anderer Stelle deutlich machen, auch weiterhin als Arbeit - "ein ganzes Geflecht von produktiven Teilarbeiten" notwendig siehst) ja wohl nicht gemeint sein. Klingt aber genau so, und diese Vorstellung scheint auch überall durch. Die einen, die "notwendig tätigen Malocher" machen die "produktiven Teilabeiten", das, was mensch mit Marx als unmittelbare Produktion verstehen könnte, und die anderen gehen Fischen, Jagen, Philosophieren, Klavierspielen und was die befreiten Individuen sonst noch an Bedürfnissen verwirklichen möchten.
Ich denke (so weit ich ihn kenne mit Marx), in einer solchen emanzipierten Gesellschaft freier (gesellschaftlicher) Individuen werden Wert, Bewertung, Produktives etc. sicher nach ganz anderen Kriterien eben nicht gemessen, aber beurteilt, und ohnehin wertlos sein. Die ganz andere Produktivität wird hoch sein, indem der gesellschaftliche Mensch all seine Potentiale, sich selbst voll entfalten kann, wesentlich auch jenseits so-(von Dir)genannter "produktiver Tätigkeiten", aber auch bei Bewältigung dieser.
In der (Welt)Gesellschaft freier Assoziation, in dem im wahrsten Sinne des Wortes (kommun-istischen) Gemeinwesen (wie ich die zukünftige Gesellschaft nennen würde), wird aufzuheben und aufgehoben sein müssen:
1. eine besondere und gesonderte Sphäre "notwendiger Tätigkeiten", worunter bei Dir wie im Marxismus obendrein auch weiterhin Arbeit gemeint ist. Alle werden alles tun, die "Arbeit - produktive Tätigkeit" wird in das Leben zurückgenommen und damit aufgehoben. Und gerade für die Erledigung anstrengender notwendiger auch (Scheiß)Tätigkeiten werden wir uns die Errungenschaften der Wissenschaft und Technologie voll zunutze machen.
2. Kapital, Wertvergesellschaftung, Warentausch, Geld sind nicht aufzuheben ohne Aufhebung der sie sozusagen konstituierenden Arbeit. Solches bliebe ein Widerspruch in sich - eine contradictio in adjecto, wie wohl der Theoretiker sagt. Und folglich wird es
3. auch nicht, wie Du so selbstverständlich behauptest, noch Arbeitsteilung geben.
Für wahr eine ganze Menge aufzuheben. Zuerst wohl die Schlacken dieses arbeits-, wert- und geldgeprägten gesellschaftlichen Lebens, wie sie sich auch in unseren Köpfen und unserem Denken eingenistet haben und selbst noch beim Nachdenken über und Begreifen anderer Gesellschaft zu Tage treten. Nehme mich selbstredend nicht aus. Mein Ausstieg als noch Malocher ist ohnehin bislang eher ein bedenkenswerter.
(51.1.1.1.1.1) Re: Freie Assoziation?, 23.01.2002, 11:31, Werner Imhof: Als geselliges Naturgeschöpf ist der Mensch nun mal auf die Aneignung und Umformung von Naturstoff (Energie inbegriffen) angewiesen, um seine verschiedenartigen biologischen und gesellschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Diese produktive Tätigkeit nenne ich weiterhin Arbeit, auch wenn sich Leute daran stören, die meinen, mit der Wertform der Arbeitsprodukte gleich auch die Arbeit abschaffen zu müssen und zu können. Wie immer sich die Mittel und "Agentien" der Arbeit vorvollkommnen mögen und ihr Umfang sich reduzieren mag, sie bleibt Naturbedingung menschlicher Zivilisation und damit ein "Reich der Notwendigkeit". Die Perspektive, alle Arbeit durch (womöglich noch sich selbst reproduzierende) Automaten erledigen zu lassen, halte ich für physikalischen und ökologischen Irrwitz, weil sie einen exponentiell steigenden Verbrauch an Naturressourcen impliziert, den sich entweder nur ein privilegierter Teil der Menschheit leisten könnte (wie heute) oder der die Lebensgrundlagen der gesamten Menschheit zerstören würde.
Daß "Kapital, Wertgesellschaftung, Warentausch, Geld" durch "die Arbeit" konstituiert werden, ist ein gewaltiger Irrtum. Was das Geld konstituiert, ist der Austausch der Arbeitsprodukte. Dieser selbst ist konstituiert durch die Teilung der gesellschaftlichen Arbeit in voneinander getrennte "Privatarbeiten" oder anders ausgedrückt: durch das Privateigentum an Produktionsmitteln. Was das Kapital konstituiert, ist Warenproduktion, Produktion für den Austausch, die auf der Anwendung kollektiver (bisher überwiegend, aber nicht notwendig) fremder Arbeitskraft beruht. Wenn Du meinst, mit dem Austausch auch die Arbeit aufheben zu können, hast Du vermutlich Schwierigkeiten, Dir gesellschaftliche Arbeit ohne Austausch der Produkte (gegen Geld) vorzustellen.
Es gibt heute zwei Arten von Arbeitsteilung: betriebliche und gesellschaftliche (die internationale eingeschlossen). Um sie aufzuheben, müßte mensch alle Betriebe schließen, Verkehrs- und Kommunikationsmittel verrotten und die Häuser verfallen lassen und zu einer primitiven lokalen Subsistenzwirtschaft mit selbstgebastelten Unterkünften, Kleidern, Haus- und Arbeitsgeräten, mit Tierhaltung und Gartenbau usw. zurückkehren. Ist es wirklich das, was Dir vorschwebt?
(51.1.1.1.1.1.1) Re: Freie Assoziation?, 27.01.2002, 17:38, Ulrich Leicht: Auch auf die Gefahr hin, daß ich mir wie Wolf eventuell vorwerfen lassen muß: "Die Zusammenstellung von Zitaten ist noch kein Ausweis für eigenes Verständnis, zumal wenn sie zur Aufklärung der theoretischen Irrtümer von Robert Kurz überhaupt nichts beitragen. Ich hatte erwartet, Du würdest Dich mal zu meiner Kritik an Deinen Vorstellungen von Wert, Warenproduktion und ihrer Aufhebung äußern" - möchte ich doch wagen, einige Aussagen von Marx ins Spiel zu bringen, die die Frage, in welche Richtung müssen wir Aufhebung denken und welche Irrtümer nicht weiter zu verfolgen sind, vielleicht in einem andere Licht erscheinen lassen als Du es aufleuchten läßt. Da für Dich Marx ja durchaus eine Autorität ist, die Du selber gerne zitierst oder wie in Deinem anderen Beitrag "Gesellschaftliche Arbeit und Wertausdruck" abschnittsweise zur Untermauerung Deiner Begeisterung für die Aussagekraft der VWL-Wertschöpfungsberechnungen referierst, wage ich es auch. Notgedrungen knapp und nur stichwortgebend, die Richtung der Überlegungen andeutend. Du meinst zwar andere, die sich "daran stören" und "gewaltigem Irrtum" unterliegen könnten, in erster Linie triffst Du aber mit Deiner, wie ich finde sehr (alt)marxistischen Argumentation, Marx selbst,
(51.1.1.1.1.1.1.2) Re: Freie Assoziation?, 29.03.2002, 21:52, Ulrich Leicht: Wenn das "gesellige" Wesen seine natürliche Unschuld verliert
"Warum muss das Privateigentum zum Geldwesen fortgehn? Weil der Mensch als ein geselliges Wesen zum Austausch und weil der Austausch unter den Voraussetzung des Privateigentums zum Wert fortgehn muss. Die vermittelnde Bewegung der austauschenden Menschen ist nämlich ... kein menschliches Verhältnis, es ist das abstrakte Verhältnis des Privateigentums zum Privateigentum, und dies abstrakte Verhältnis ist der Wert, dessen wirkliche Existenz als Wert erst das Geld ist. Weil die austauschenden Menschen sich nicht als Menschen zueinander verhalten, so verliert die Sache die Bedeutung des menschlichen, des persönlichen Eigentums."
(Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, MEGA III, S. 532 und 540, auch "Deutsche Ideologie", S. 381-82)
(51.1.1.1.1.1.1.3) Re: Freie Assoziation?, 29.03.2002, 22:10, Ulrich Leicht:
Es war und muß nicht "Arbeit" sein-I
"Arbeit scheint eine ganz einfache Kategorie. Auch die Vorstellung derselben in dieser Allgemeinheit - als Arbeit überhaupt - ist uralt. Dennoch, ökonomisch in dieser Einfachheit gefaßt, ist »Arbeit« eine ebenso moderne Kategorie wie die Verhältnisse, die diese einfache Abstraktion erzeugen....
Nun konnte es scheinen, als ob damit nur der abstrakte Ausdruck für die einfachste und urälteste Beziehung gefunden, worin die Menschen - sei es in welcher Gesellschaftsform immer - als produzierend auftreten. Das ist nach einer Seite hin richtig. Nach der andren nicht. Die Gleichgültigkeit gegen eine bestimmte Art der Arbeit setzt eine sehr entwickelte Totalität wirklicher Arbeitsarten voraus, von denen keine mehr die alles beherrschende ist. So entstehn die allgemeinsten Abstraktionen überhaupt nur bei der reichsten konkreten Entwicklung, wo eines vielen gemeinsam erscheint, allen gemein. Dann hört es auf, nur in besondrer Form gedacht werden zu können. Andrerseits ist diese Abstraktion der Arbeit überhaupt nicht nur das geistige Resultat einer konkreten Totalität von Arbeiten. Die Gleichgültigkeit gegen die bestimmte Arbeit entspricht einer Gesellschaftsform, worin die Individuen mit Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andre übergehn und die bestimmte Art der Arbeit ihnen zufällig, daher gleichgültig ist. Die Arbeit ist hier nicht nur in der Kategorie, sondern in der Wirklichkeit als Mittel zum Schaffen des Reichtums überhaupt geworden und hat aufgehört, als Bestimmung mit den Individuen in einer Besonderheit verwachsen zu sein. Ein solcher Zustand ist am entwickeltsten in der modernsten Daseinsform der bürgerlichen Gesellschaften - den Vereinigten Staaten. Hier also wird die Abstraktion der Kategorie »Arbeit«, »Arbeit überhaupt«, Arbeit sans phrase, der Ausgangspunkt der modernen Ökonomie, erst praktisch wahr. Die einfachste Abstraktion also, welche die moderne Ökonomie an die Spitze stellt und die eine uralte und für alle Gesellschaftsformen gültige Beziehung ausdrückt, erscheint doch nur in dieser Abstraktion praktisch wahr als Kategorie der modernsten Gesellschaft. .... Dies Beispiel der Arbeit zeigt schlagend, wie selbst die abstraktesten Kategorien, trotz ihrer Gültigkeit - eben wegen ihrer Abstraktion - für alle Epochen, doch in der Bestimmtheit dieser Abstraktion selbst eben sosehr das Produkt historischer Verhältnisse sind und ihre Vollgültigkeit nur für und innerhalb dieser Verhältnisse besitzen."
[Marx: Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie, S. 39. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2802 (vgl. MEW Bd. 13, S. 634-35)]
(51.1.1.1.1.1.1.4) Re: Freie Assoziation?, 29.03.2002, 22:31, Ulrich Leicht:
Es war und muß nicht "Arbeit" sein-II
"Die Arbeit, die sich gleichmäßig in ihnen vergegenständlicht, muß selbst gleichförmige, unterschiedslose, einfache Arbeit sein, der es ebenso gleichgültig, ob sie in Gold, Eisen, Weizen, Seide erscheint, wie es dem Sauerstoff ist, ob er vorkommt im Rost des Eisens, der Atmosphäre, dem Saft der Traube oder dem Blut des Menschen. Aber Gold graben, Eisen aus dem Bergwerk fördern, Weizen bauen und Seide weben sind qualitativ voneinander verschiedene Arbeitsarten. In der Tat, was sachlich als Verschiedenheit der Gebrauchswerte, erscheint prozessierend als Verschiedenheit der die Gebrauchswerte hervorbringenden Tätigkeit. Als gleichgültig gegen den besondern Stoff der Gebrauchswerte ist die Tauschwert setzende Arbeit daher gleichgültig gegen die besondere Form der Arbeit selbst. Die verschiedenen Gebrauchswerte sind ferner Produkte der Tätigkeit verschiedener Individuen, also Resultat individuell verschiedener Arbeiten. Als Tauschwerte stellen sie aber gleiche, unterschiedslose Arbeit dar, d.h. Arbeit, worin die Individualität der Arbeitenden ausgelöscht ist. Tauschwert setzende Arbeit ist daher abstrakt allgemeine Arbeit.
[Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, S. 14 ff.Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2911 (vgl. MEW Bd. 13, S. 17 ff.)]
"Denn erstens erscheint dem Menschen die Arbeit, die Lebenstätigkeit, das produktive Leben selbst nur als ein Mittel zur Befriedigung eines Bedürfnisses, des Bedürfnisses der Erhaltung der physischen Existenz. Das produktive Leben ist aber das Gattungsleben. Es ist das Leben erzeugende Leben. In der Art der Lebenstätigkeit liegt der ganze Charakter einer species, ihr Gattungscharakter, und die freie bewußte Tätigkeit ist der Gattungscharakter des Menschen."
[Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, S. 185 ff.Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 754 (vgl. MEW Bd. 40, S. 560 ff.)]
"Und endlich als Dritten im Bunde ein bloßes Gespenst - »die« Arbeit, die nichts ist als eine Abstraktion und für sich genommen überhaupt nicht existiert oder wenn wir die.... nehmen, die produktive Tätigkeit des Menschen überhaupt, wodurch er den Stoffwechsel mit der Natur vermittelt, entkleidet nicht nur jeder gesellschaftlichen Form und Charakterbestimmtheit, sondern selbst in ihrem bloßen Naturdasein, unabhängig von der Gesellschaft, allen Gesellschaften enthoben und als Lebensäußerung und Lebensbewährung dem überhaupt noch nicht gesellschaftlichen Menschen gemeinsam mit dem irgendwie gesellschaftlich bestimmten."
[Marx: Das Kapital, S. 4067. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 7381 (vgl. MEW Bd. 25, S. 823-824)]
(51.1.1.1.1.1.1.4.1) Re: Freie Assoziation?, 29.03.2002, 23:00, Ulrich Leicht:
Der Stoffwechsel mit der Natur als condition humana meint anderes als die gesonderte Sphäre "Arbeit" im kapitalistischen Verwertungsprozeß. Selbst der nicht eindeutige Marx gibt Hinweise:
"In der ländlich-patriarchalischen Industrie dagegen, wo Spinner und Weber unter demselben Dach hausten, der weibliche Teil der Familie spann, der männliche webte, sage zum Selbstbedarf der Familie, waren Garn und Leinwand gesellschaftliche Produkte, Spinnen und Weben gesellschaftliche Arbeiten innerhalb der Grenzen der Familie. Ihr gesellschaftlicher Charakter bestand aber nicht darin, daß Garn als allgemeines Äquivalent gegen Leinwand als allgemeines Äquivalent oder beide sich gegeneinander austauschten als gleich gültige und gleich geltende Ausdrücke derselben allgemeinen Arbeitszeit. Der Familienzusammenhang vielmehr mit seiner naturwüchsigen Teilung der Arbeit drückte dem Produkt der Arbeit seinen eigentümlichen gesellschaftlichen Stempel auf.
Oder nehmen wir die Naturaldienste und Naturallieferungen des Mittelalters. Die bestimmten Arbeiten der einzelnen in ihrer Naturalform, die Besonderheit, nicht die Allgemeinheit der Arbeit bildet hier das gesellschaftliche Band. Oder nehmen wir endlich die gemeinschaftliche Arbeit in ihrer naturwüchsigen Form, wie wir sie an der Schwelle der Geschichte aller Kulturvölker finden. Hier ist der gesellschaftliche Charakter der Arbeit offenbar nicht dadurch vermittelt, daß die Arbeit des einzelnen die abstrakte Form der Allgemeinheit, oder sein Produkt die Form eines allgemeinen Äquivalents annimmt. Es ist das der Produktion vorausgesetzte Gemeinwesen, das die Arbeit des einzelnen verhindert. Privatarbeit und sein Produkt Privatprodukt zu sein, die einzelne Arbeit vielmehr unmittelbar als Funktion eines Gliedes des Gesellschaftsorganismus erscheinen läßt. Die Arbeit, die sich im Tauschwert darstellt, ist vorausgesetzt als Arbeit des vereinzelten Einzelnen. Gesellschaftlich wird sie dadurch, daß sie die Form ihres unmittelbaren Gegenteils, die Form der abstrakten Allgemeinheit annimmt....
Von der Arbeit, soweit sie Gebrauchswerte hervorbringt, ist es falsch zu sagen, daß sie einzige Quelle des von ihr hervorgebrachten, nämlich des stofflichen Reichtums sei. Da sie die Tätigkeit ist, das Stoffliche für diesen oder jenen Zweck anzueignen, bedarf sie des Stoffes als Voraussetzung. In verschiedenen Gebrauchswerten ist die Proportion zwischen Arbeit und Naturstoff sehr verschieden, aber stets enthält der Gebrauchswert ein natürliches Substrat. Als zweckmäßige Tätigkeit zur Aneignung des Natürlichen in einer oder der anderen Form ist die Arbeit Naturbedingung der menschlichen Existenz, eine von allen sozialen Formen unabhängige Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur. Tauschwert setzende Arbeit ist dagegen eine spezifisch gesellschaftliche Form der Arbeit. Schneiderarbeit z.B. in ihrer stofflichen Bestimmtheit als besondere produktive Tätigkeit, produziert den Rock, aber nicht den Tauschwert des Rocks. Letztem produziert sie nicht als Schneiderarbeit, sondern als abstrakt allgemeine Arbeit, und diese gehört einem Gesellschaftszusammenhang, den der Schneider nicht eingefädelt hat. So produzierten in der antiken häuslichen Industrie Weiber den Rock, ohne den Tauschwert des Rockes zu produzieren.
[Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie, S. 21 ff.Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2918 (vgl. MEW Bd. 13, S. 20 ff.)]
"Nehmen wir den Robinson auf seiner Insel. Bescheiden, wie er von Haus aus ist, hat er doch verschiedenartige Bedürfnisse zu befriedigen und muß daher nützliche Arbeiten verschiedner Art verrichten, Werkzeuge machen, Möbel fabriciren, Lama zähmen, fischen, jagen u. s. w. Vom Beten u. dgl. sprechen wir hier nicht, da unser Robinson daran sein Vergnügen findet und derartige Tätigkeit als Erholung betrachtet. Trotz der Verschiedenheit seiner produktiven Funktionen weiß er, daß sie nur verschiedne Betätigungsformen desselben Robinson, also nur verschiedne Weisen menschlicher Arbeit sind. Die Not selbst zwingt ihn, seine Zeit genau zwischen seinen verschiednen Funktionen zu verteilen.
[Marx: Das Kapital, S. 126. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 3440 (vgl. MEW Bd. 23, S. 91-92)]
(51.1.1.1.1.1.1.5) Re: Freie Assoziation?, 29.03.2002, 23:53, Ulrich Leicht:
Was hat es mit dem "Reich der Notwendigkeit" auf sich?
"Ein bestimmtes Quantum Mehrarbeit ist erheischt durch die Assekuranz gegen Zufälle, durch die notwendige, der Entwicklung der Bedürfnisse und dem Fortschritt der Bevölkerung entsprechende, progressive Ausdehnung des