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Mailing-Listen als entscheidender Backbone
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Maintainer: Stefan Merten, Version 1, 10.07.2003  Druckversion
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Status: Aktiv

Mailing-Listen als entscheidender Backbone -- Zur verblüffenden Einfachheit von Systemen zur Entscheidungsfindung

Abstract

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Machen .

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Dieser Text liegt als kommentierbarer Open-Theory-Text [http://www.opentheory.org/mailinglisten/] vor.

Einleitung

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Evt. überarbeitetes Positionspapier

Mailing-Listen als zentrale Tools

Zur Technik

Grundlegende Organisation

[Alle Kommentare ausblenden] (7) * Anmelden und abmelden per Mail oder Web-Oberfläche

[Alle Kommentare ausblenden] (8) * Postings an die Listenadresse werden per Mail an alle TeilnehmerInnen verteilt

[Alle Kommentare ausblenden] (9) * Administration durch eine oder wenige Personen über Mail oder Web-Oberfläche

[Alle Kommentare ausblenden] (10) * In der Regel entsprechende Verwaltungssoftware

[Alle Kommentare ausblenden] (11) - Majordomo [http://www.greatcircle.com/majordomo/]

[Alle Kommentare ausblenden] (12) - Mailman [http://www.list.org/index.html]

[Alle Kommentare ausblenden] (13) - Viele andere

[Alle Kommentare ausblenden] (14) * Automatische Archivierung

[Alle Kommentare ausblenden] (15) - MHonArc [http://www.oac.uci.edu/indiv/ehood/mhonarc.html])

[Alle Kommentare ausblenden] (16) * Einrichtung einer Mailing-Liste

[Alle Kommentare ausblenden] (17) - Benötigt in Eigenregie lediglich einen Internet-Server, der regelmäßig einige Mailboxen pollt

[Alle Kommentare ausblenden] (18) - Mit Werbung sogar kostenlos möglich (Yahoo Groups! [http://groups.yahoo.com/]).

Abgrenzung gegen andere Medien

[Alle Kommentare ausblenden] (19) * IRC / Web-Chats

[Alle Kommentare ausblenden] (20) * Newsgroups

[Alle Kommentare ausblenden] (21) * Weblogs

[Alle Kommentare ausblenden] (22) * Wiki Wiki Web [http://c2.com/cgi/wiki?WikiWikiWeb]

[Alle Kommentare ausblenden] (23) * OpenTheory [http://www.opentheory.org/]

[Alle Kommentare ausblenden] (24) * Vergleich mit diesen Medien?

Varianten

[Alle Kommentare ausblenden] (25) * Web-Archiv oder nicht

[Alle Kommentare ausblenden] (26) - Kann öffentlich sein oder Zugangsbeschränkungen unterliegen

[Alle Kommentare ausblenden] (27) - Kann durchsuchbar sein oder ohne Suchfunktion

[Alle Kommentare ausblenden] (28) - Verschiedene Indizes (chronologisch, nach Threads, nach AutorIn)

[Alle Kommentare ausblenden] (29) * Moderiert oder offen

[Alle Kommentare ausblenden] (30) * Offen für Postings von Nicht-TeilnehmerInnen (Problem: Spam, Spam-Filter helfen)

[Alle Kommentare ausblenden] (31) * Öffentlich in dem Sinne, dass alle Interessierten teilnehmen können, oder geschlossene Gruppen

[Alle Kommentare ausblenden] (32) * Schreibbar für alle TeilnehmerInnen oder nur eingeschränkten Personenkreis (Abgrenzung Newsletter)

[Alle Kommentare ausblenden] (33) * Explizites Reply-To auf die Liste oder private Replies

[Alle Kommentare ausblenden] (34) * Liste der TeilnehmerInnen kann öffentlich, nur den TeilnehmerInnen zugänglich oder ganz geheim sein

[Alle Kommentare ausblenden] (35) * Hier wenn nicht anders vermerkt: Öffentliche, unmoderierte, mindestens für alle TeilnehmerInnen schreibbare, archivierte Mailing-Listen mit mindestens für die TeilnehmerInnen offener TeilnehmerInnenschaft

Eigenschaften

[Alle Kommentare ausblenden] (36) In vielen virtuellen Projekten sind Mailing-Listen das zentrale Mittel nicht nur der Kommunikation sondern auch der Entscheidungsfindung. Ergänzt wird dieses Mittel in den unten näher untersuchten Beispielen in unterschiedlichem Maße durch private Mail und lediglich im Fall der Forschungsprojekte durch Telefon und gelegentliche Treffen. Dass Mailing-Listen als mehr oder weniger ausschließliches Kommunikationsmedium und damit als Medium zur Entscheidungsfindung dienen können, ist einigen technischen und sozialen Eigenschaften dieses Mediums geschuldet.

Technische Eigenschaften

[Alle Kommentare ausblenden] (37) Ein wesentlicher Vorteil aller Mail-Kommunikation gegenüber vielen klassischen Kommunikationsformen wie Diskussionen auf Treffen oder Telefonkonferenzen ist die Asynchronität der Kommunikation. Während bei Kommunikationsformen, die auf Sprechen und (gleichzeitigem) Zuhören beruhen, alle Beteiligten gleichzeitig an der Kommunikation teilnehmen müssen, kann eine Mail zu einem beliebigen Zeitpunkt geschrieben werden und zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt gelesen werden. Damit werden zeitliche Restriktionen aufgehoben, die sprachliche Kommunikationsformen oftmals schwierig machen.

[Alle Kommentare ausblenden] (38) Auch die Dauer einer Diskussion ist durch die Asynchronität nicht durch der Diskussion äußerliche Faktoren begrenzt. Es ergibt sich ein stetiger Diskussionsfluß, der vor allem durch die Ideen und Gedanken der TeilnehmerInnen, also der Diskussion immanenten Faktoren reguliert wird.

[Alle Kommentare ausblenden] (39) Diese Asynchronität macht Mailing-Listen weiterhin zu einem non-exklusiven Medium, bei dem alle Beteiligten sich unabhängig von den anderen äußern können. Daher bedarf es auch keinerlei Regulation der Äußerungen wie sie die Exklusivität sprachbasierter Kommunikationsformen oftmals sinnvoll erscheinen lässt (Redelisten).

[Alle Kommentare ausblenden] (40) Neben der zeitlichen Unabhängigkeit bieten Mailing-Listen auch eine räumliche Entkopplung. So ist es nicht nur möglich, sondern zum Beispiel in der Freie-Software-Bewegung gängige Praxis, dass die TeilnehmerInnen an einer Mailing-Liste über den gesamten Globus verstreut leben. Lediglich die Sprachbarriere - in der Regel ist die Verkehrssprache auf internationalen Mailing-Listen Englisch - ist also ein Hindernis, um an einer globalen Diskussion teilzunehmen.

[Alle Kommentare ausblenden] (41) Ein weiterer Vorteil von Mail allgemein ist, dass alle Äußerungen automatisch in der Schriftform vorliegen. Dadurch ist ein späterer Bezug auf einen allen Beteiligten vorliegende Fixierung einer Äußerung ohne weitere Maßnahmen wie zum Beispiel Protokolle möglich. Zusätzlich zum Text kann per Mail heute auch jede erdenkliche digitale Information übertragen werden. So ist es z.B. auch möglich, die textuelle Kommunikation einer Mailing-Liste mit Bildern anzureichern.

[Alle Kommentare ausblenden] (42) Da die Beiträge zu Mailing-Listen bereits als digitale Daten vorliegen, können sie leicht in ein Archiv einer Mailing-Liste eingepflegt werden, dass im Web allen Interessierten oder einer ausgewählten Gruppe zur Verfügung steht. Archive von Mailing-Listen ermöglichen den späteren Neueinstieg in eine laufende Diskussion und können gleichzeitig eine Öffentlichkeit schaffen, die über die direkten TeilnehmerInnen einer Mailing-Liste hinausgeht. Darüber hinaus können mittels eines Web-Archivs die in einer Mailing-Liste fließenden Informationen durch Suchdienste wie Google zeitnah und ohne menschliches Zutun einer allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

[Alle Kommentare ausblenden] (43) Mailing-Listen verzahnen dynamische und statische Aspekte einer Kommunikation. Eine Äußerung auf einer Mailing-Liste kann selbst jederzeit erfolgen. Hierdurch erreichen Mailing-Listen eine hohe Dynamik. Gleichzeitig ist eine einmal gemachte Äußerung aber statisch und nicht mehr rückholbar. Erst ein Reply auf eine Äußerung erzeugt einen neue Dynamik, die sich dann in so genannten Threads (Diskussionsfäden) niederschlägt. Die Threads, die in vielen Archiven als eigener Index ausgebildet sind, bilden also sowohl den dynamischen als auch statischen Aspekt einer Mailing-Liste ab.

[Alle Kommentare ausblenden] (44) Die Teilnahme an einer Mailing-Liste umfasst in aller Regel mindestens mehrere Wochen, oft aber auch Jahre. Mailing-Listen haben also eine vergleichsweise stabile TeilnehmerInnenschaft. Diese Stabilität gibt TeilnehmerInnen, die einen Reply zu einer Äußerung auf der Mailing-Liste machen, eine hohe Gewissheit, die AutorIn der ursprünglichen Äußerung auch zu erreichen. Auf dieser Grundlage bilden sich relativ leicht Dialoge und Polyloge heraus, die in anderen Medien auf Grund der flüchtigen TeilnehmerInnenschaft oft nicht in Gang kommen.

[Alle Kommentare ausblenden] (45) Gleichzeitig bilden die Threads die einzige, schwache Strukturierung die Mailing-Listen ohne weiteres Zutun aufweisen. Dieser Unstrukturiertheit kann zwar durch regelmäßige Zusammenfassungen durch einzelne TeilnehmerInnen eine gewisse Struktur hinzugefügt werden, allerdings wird dies wohl öfter gewünscht als umgesetzt. Diese Unstrukturiertheit ist das wohl am häufigsten geäußerte Manko von Mailing-Listen.

[Alle Kommentare ausblenden] (46) Als Mail-basiertes Medium sind Mailing-Listen ein typisches Push-Medium: Ohne eigene Aktivität werden die Äußerungen auf der Mailing-Liste allen TeilnehmerInnen zugestellt. Bei Mailing-Listen mit hoher Schreibfrequenz führt das zwar leicht zu einem relativ hohen Mail-Aufkommen, gleichzeitig entlastet diese Eigenschaft die TeilnehmerInnen allerdings von den Mühen, die dynamisch aktualisierte Pull-Medien den NutzerInnen aufbürden. Archive fügen Mailing-Listen allerdings die Pull-Eigenschaft hinzu, so dass alle Vorlieben optimal befriedigt sind.

[Alle Kommentare ausblenden] (47) Als Internet-basierte Kommunikationsform haben Mailing-Listen praktisch eine unbeschränkte TeilnehmerInnenzahl. Alle, die möchten, können sich an öffentlichen Mailing-Listen beteiligen.

Soziale Eigenschaften

[Alle Kommentare ausblenden] (48) Mailing-Listen sind mehr oder weniger thematisch gebunden. Das heißt, dass die TeilnehmerInnen angehalten sind, sich mit Äußerungen auf der Liste ausschließlich auf das Thema der Mailing-Liste zu beziehen (on-topic). Äußerungen, die sich nicht auf das Thema der Mailing-Liste beziehen (off-topic) sind in der Regel mehr oder weniger verpönt. Diese thematische Bindung einer Mailing-Liste erfordert eine Regulation, die in unmoderierten, für alle offenen Mailing-Listen von den TeilnehmerInnen selbst erbracht werden muss.

[Alle Kommentare ausblenden] (49) In den meisten Mailing-Listen haben zumindest alle TeilnehmerInnen jederzeit Schreibrecht. Dadurch können sie jederzeit zu den Diskussionen Stellung beziehen, die auf der Mailing-Liste aktuell stattfinden. In einigen Mailing-Listen ist es darüber hinaus auch Nicht-TeilnehmerInnen möglich, an eine Mailing-Liste zu schreiben. Im Gegensatz zu Medien mit Schreibmono- oder -oligopolen können sich bei Mailing-Listen also alle einbringen, die das wollen.

[Alle Kommentare ausblenden] (50) Neben der aktiven Teilnahme an einer Mailing-Liste ist auch eine passive Teilnahme möglich. Tatsächlich dürfte bei den allermeisten Mailing-Listen die Zahl der mehr oder weniger passiven TeilnehmerInnen die Zahl der aktiven sogar bei weitem übersteigen. Schreibrecht für alle führt also nicht dazu, dass alle davon tatsächlich Gebrauch machen. Allerdings haben auch passive TeilnehmerInnen grundsätzlich die Möglichkeit zum sofortigen aktiven Eingreifen sollten sie dies für erforderlich halten.

[Alle Kommentare ausblenden] (51) Die Teilnahme an einer öffentlichen Mailing-Liste kann grundsätzlich anonym erfolgen. Selbst wenn auf einer Mailing-Liste die eigene Identität eigentlich offen gelegt werden soll, so ist es in der heutigen Internet-Infrastruktur doch relativ leicht möglich, die eigene Identität durch Angabe eines gefälschten Namens zu verschleiern. Dies ermöglicht, sich auch in solchen Fällen zu äußern, wo eine Person bei bekannter Identität negative Folgen außerhalb der Mailing-Liste befürchtet.

[Alle Kommentare ausblenden] (52) Zwar sind Mailing-Listen grundsätzlich an die Schriftform gebunden, wie bei Mail allgemein üblich ist diese Schriftform aber eng an sprachliche Kommunikationsformen angelehnt. Der Tonfall auf einer Mailing-Liste ist sehr viel persönlicher als beispielsweise in einem Brief oder einem Artikel für eine Zeitschrift. Auch die Möglichkeit, in einem Reply die Kommentare unmittelbar hinter das zu setzen, was kommentiert werden soll, entspricht der Möglichkeit sprachlicher Kommunikation unmittelbar auf das soeben Gesagte einzugehen. Muss der formale Stil klassischer schriftlicher Kommunikationsformen mit ihren Regeln explizit gelernt werden, so stehen die Mittel sprachlicher Kommunikationsformen allen Menschen in mehr oder weniger großem Umfang zur Verfügung. Auch diese Eigenschaft senkt also die Einstiegshürden.

[Alle Kommentare ausblenden] (53) Als Mail-basiertes Kommunikationsmedium ist die Benutzung von Mailing-Listen für die TeilnehmerInnen nahezu kostenlos. Die Kosten der Teilnahme belaufen sich lediglich auf den Empfang und gegebenenfalls das Senden von Mails, die bei dem ressourcen-schonenden Medium Mail recht gering sind. Aber auch der Betrieb einer Mailing-Liste ist mit wenig Kosten verbunden.

[Alle Kommentare ausblenden] (54) Da Mailing-Listen als Kommunikationsmedium bereits seit einiger Zeit existieren, gibt es auch eine Reihe von Software, die den Betrieb von Mailing-Listen weitgehend automatisieren. Es ist für den Betrieb einer Mailing-Liste also reichlich Infrastruktur vorhanden und wegen des hohen Verbreitungsgrads ist auch das Know-How für die Verwaltung einer Mailing-Liste verhältnismäßig weit verbreitet.

[Alle Kommentare ausblenden] (55) Auch die Teilnahme an einer Mailing-Liste ist denkbar einfach. Für eine passive Teilnahme genügt eine Subskription der entsprechenden Mailing-Liste, die beim Einsatz einer Verwaltungssoftware ohne administrativen Eingriff erfolgen kann. Für die aktive Teilnahme genügt es bei offenen Mailing-Listen, eine Mail an die Adresse der Liste zu senden.

[Alle Kommentare ausblenden] (56) Zwar strukturieren sich Diskussionen in Mailing-Listen anhand von Threads in gewissem Rahmen, es entsteht aber nicht von selbst eine strukturierte Sammlung der Informationen, die in einer Mailing-Liste geflossen sind. Eine solche strukturierte Sammlung braucht vielmehr explizites Handeln einzelner Personen. Dies kann z.B. durch eine regelmäßige Zusammenfassung wichtiger Diskussionen entstehen (siehe zum Beispiel Kernel Traffic [http://kt.zork.net/] für Zusammenfassungen von Diskussionen aus der Freien-Software-Szene).

[Alle Kommentare ausblenden] (57) Insbesondere wenn eine Mailing-Liste der Entscheidungsfindung dient, hat es sich bewährt parallel zu der Mailing-Liste Web-basierte Tools wie Wiki Wiki oder OpenTheory einzusetzen. Damit können die Äußerungen zu einem bestimmten Thema strukturiert gesammelt werden, wobei bei diesen Tools weiterhin die Möglichkeit besteht, dass alle die Aufbereitung verändern können.

[Alle Kommentare ausblenden] (58) Durch ihre abgegrenzte TeilnehmerInnenschaft bilden Mailing-Listen einen sozialen Raum, der das Entstehen einer Community begünstigt. Eine lebendige Mailing-Liste erinnert ihre TeilnehmerInnen durch jede Mail an ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten (virtuellen) Gemeinschaft.

[Alle Kommentare ausblenden] (59) Diese Gemeinschaft ist durch den gemeinsamen Bezug auf das Thema der Mailing-Liste begründet. Ein kritischer Aspekt für die Herausbildung einer Community bildet dabei erfahrungsgemäß der Umfang des Themas. Ist das Thema einer Mailing-Liste zu klein, so wird die kritische Masse für eine Community nicht erreicht. Ist andererseits das Thema einer Mailing-Liste zu weit, so ist der gemeinsame Bezug zu unklar und es fehlt die Orientierung der TeilnehmerInnen, die Voraussetzung für eine Community ist.

Partizipation und Transparenz durch Mailing-Listen

[Alle Kommentare ausblenden] (60) Literaturverweis Demokratietheorie

[Alle Kommentare ausblenden] (61) Betrachten wir Mailing-Listen nun unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten, so ist festzustellen, dass sie hervorragende Voraussetzungen für demokratische Prozesse bieten.

[Alle Kommentare ausblenden] (62) Asynchronität und Schriftform entlasten die TeilnehmerInnen von lästigen Nebenbedingungen, die auf gesprochener Sprache basierende Kommunikationsformen mit sich bringen. Dadurch können auch Personen an einer Diskussion partizipieren, die anderweitig dazu nicht in der Lage wären (z.B. auf Grund familiärer oder beruflicher Verpflichtungen oder auch auf Grund von Behinderungen). Auch die Tatsache, dass Mailing-Listen mit minimalem sachlichen und Kostenaufwand genutzt werden können, erhöht die Partizipationsmöglichkeiten zumindest der Personen, die über einen Internet-Zugang verfügen. Da auch der Betrieb einer Mailing-Liste nur weniger Ressourcen bedarf, ist auch die Einrichtung eines solchen Forums tendenziell allen möglich. Ein Web-Archiv ermöglicht überdies den jederzeitigen Zugang zu vergangenen Diskussionsbeiträgen.

[Alle Kommentare ausblenden] (63) Mailing-Listen schaffen damit eine Öffentlichkeit und eine Transparenz, wie sie in anderen Medien nur schwer und nur mit teilweise erheblichem Zusatzaufwand zu bekommen ist. Wie kaum ein anderes Medium bieten Mailing-Listen nicht nur die Möglichkeit einer passiven Rezeption auch für große Personengruppen, sondern sie bieten gleichzeitig die Möglichkeit aktiven Eingreifens.

[Alle Kommentare ausblenden] (64) Zwar sind die Voraussetzungen für demokratische Systeme in hohem Maße gegeben, es wird sich allerdings später zeigen, dass sich auf dieser Grundlage keine demokratischen Systeme im engeren Sinne ausbilden, sondern dass die gegenüber hergebrachten Medien relativ größeren partizipativen Möglichkeiten zu konsensorientierten Systemen führen.

Beispiele

[Alle Kommentare ausblenden] (65) Auswertungsgrafiken für alle Mailing-Listen machen: Wer kommuniziert wie oft? Wieviele diskutieren? Wer diskutiert mit wem?

Allgemeines

[Alle Kommentare ausblenden] (66) * Alle näher untersuchten Beispiele sind nicht in der Dimension von Gesamtgesellschaft aber umfassen doch teilweise relativ große Communities

[Alle Kommentare ausblenden] (67) * Alle Beispiele haben ein relativ konkretes Projekt, dem das gemeinsame Interesse gilt

[Alle Kommentare ausblenden] (68) * Aus der Praxis: War bzw. bin an den näher untersuchten Beispielen zumindest später maßgeblich beteiligt

A-Infos

[Alle Kommentare ausblenden] (69) * Ca. 1000 internationale TeilnehmerInnen

[Alle Kommentare ausblenden] (70) * Bindung der TeilnehmerInnen mittelmäßig, da es sich um einen Standard-Service handelte

[Alle Kommentare ausblenden] (71) * Ca. 5-12 aktive OrganisatorInnen

[Alle Kommentare ausblenden] (72) * Im Wesentlichen ein Nachrichtendienst mit angeschlossener Diskussionsforum

[Alle Kommentare ausblenden] (73) * Orga-Gruppe bildete sich aus Diskussionsrunde

[Alle Kommentare ausblenden] (74) * Freies Projekt

[Alle Kommentare ausblenden] (75) * Kommunikation praktisch ausschließlich über Mailing-Listen und sehr wenig private Mail

Projekt Oekonux

[Alle Kommentare ausblenden] (76) * Ca. 300 TeilnehmerInnen überwiegend aus dem deutschen Sprachraum, dazu viele BesucherInnen der Web-Sites

[Alle Kommentare ausblenden] (77) * Bindung der TeilnehmerInnen relativ hoch, da Teilnahme freiwillig und aus persönlichem Interesse (Beleg: niedrige Fluktuation (mit Zahlen belegen))

[Alle Kommentare ausblenden] (78) * Ca. 5-8 aktive OrganisatorInnen

[Alle Kommentare ausblenden] (79) * Groß angelegte Diskussion rund um Freie Software und ihre möglichen gesellschaftlichen Konsequenzen

[Alle Kommentare ausblenden] (80) * Orga-Gruppe bildete sich aus Diskussionsrunde

[Alle Kommentare ausblenden] (81) * Freies Projekt

[Alle Kommentare ausblenden] (82) * Kommunikation praktisch ausschließlich über im Web archivierte Mailing-Listen und ziemlich seltene Treffen (Konferenzen)

[Alle Kommentare ausblenden] (83) * Zuweilen Unterstützung durch OpenTheory-Projekte

Verbmobil / SmartKom

[Alle Kommentare ausblenden] (84) * Jeweils ca. 30-100 (je nach Mitarbeitsgrad) deutsche MitarbeiterInnen

[Alle Kommentare ausblenden] (85) * Bindung der MitarbeiterInnen ist erheblich durch Job vorgegeben

[Alle Kommentare ausblenden] (86) * Explizite Systemgruppe bestehend aus 6-9 MitarbeiterInnen übernimmt Koordinationsfunktionen

[Alle Kommentare ausblenden] (87) * Entwicklung großer KI-Systeme

[Alle Kommentare ausblenden] (88) * Forschungsprojekte mit bezahlten MitarbeiterInnen

[Alle Kommentare ausblenden] (89) * Halbjährliche große Treffen und gelegentliche fachliche Workshops

[Alle Kommentare ausblenden] (90) * Kommunikation vorwiegend über Mailing-Listen und private Mail

Weitere Beispiele

[Alle Kommentare ausblenden] (91) * Funktionieren alle auf ähnlicher bzw. gleicher Grundlage

[Alle Kommentare ausblenden] (92) * W3C-Mailing-Listen und Archive

[Alle Kommentare ausblenden] (93) * IETF-Mailing-Listen und Archive

[Alle Kommentare ausblenden] (94) - Zitate aus RFC 2026 als Beleg

[Alle Kommentare ausblenden] (95) * Freie-Software-Projekte mit ihren Mailing-Listen und deren Archiven

[Alle Kommentare ausblenden] (96) * Docutils-Mailing-Listen

[Alle Kommentare ausblenden] (97) * Diese Beispiele bedürfen eingehender Untersuchungen, da hier Entscheidungen in Gruppen täglich ganz praktisch gefällt werden

Entscheidend ist die Community!

[Alle Kommentare ausblenden] (98) Zwar basiert jede Sozialität auf einer bestimmten Technologie, die Technik liefert aber immer nur die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich soziale Prozesse abspielen können. Und letztlich sind es die sozialen Prozesse zwischen Menschen, als deren Ergebnis zum Beispiel Entscheidungen vorbereitet, getroffen und umgesetzt werden. Die verwendete Technologie ist also relativ zweitrangig gegenüber dem sozialen Prozess.

[Alle Kommentare ausblenden] (99) Da Technologie allerdings die praktischen Rahmenbedingungen für jeden sozialen Prozess setzt, können soziale Prozesse sich auf unterschiedlicher technologischer Grundlage recht unterschiedlich entwickeln. Im Extremfall kann ein Wechsel beispielsweise der Kommunikationstechnologie zu einer qualitativen Änderung der sozialen Prozesse führen. Die Technologie schafft diese neuen Qualitäten allerdings nicht, sondern sie ermöglicht lediglich deren Entfaltung. Sind solche neuen Qualitäten im sozialen Prozess nicht bereits angelegt, so kann sie keine Technologie der Welt schaffen.

Entscheidungsprozesse

[Alle Kommentare ausblenden] (100) Selbstredend sind auch Entscheidungsprozesse als soziale Prozesse zu verstehen. Auch sie sind also durch den technologischen Rahmen beeinflusst und die Möglichkeiten, die Mailing-Listen schaffen, haben durchaus Einfluss auf Entscheidungsprozesse.

[Alle Kommentare ausblenden] (101) Es wäre allerdings verkürzt, Entscheidungsprozesse auf den Moment des Treffens einer Entscheidung zu verkürzen. Vielmehr muss für ein umfassendes Verständnis von Entscheidungsprozessen zum Einen der Diskussionsprozess betrachtet werden, der die unterschiedlichen Aspekte eines Sachverhalts beleuchtet und beurteilt. Unter demokratischen Bedingungen sollte dieser Diskussionsprozess in einer größtmöglichen Öffentlichkeit und Transparenz stattfinden und es ist optimal, wenn auch eine aktive Partizipation für möglichst viele möglich ist.

[Alle Kommentare ausblenden] (102) Öffentlichkeit, Transparenz und die Möglichkeit zur aktiven Partizipation sind aber nicht nur abstrakte Forderungen, sondern ihre praktische Anwendung schafft die Grundlage dafür, dass mehr Ideen in einen Entscheidungsprozess einfließen können, dass mehr Perspektiven auf das diskutierte Problem dargestellt werden, und nicht zuletzt, dass die Einsicht in den Problemraum und mögliche Lösungen bei allen Beteiligten sich im Laufe der Diskussion ergeben und nicht nachträglich erzeugt werden müssen. Auf diese Weise ist es einerseits möglich, dass eine möglichst optimale Lösung eines Problems einfacher zu finden ist, da alle Beteiligten in den Diskussionsprozess einbezogen sind. Andererseits ist die Akzeptanz für eine gefundene Lösung hoch, da die Beteiligten sich nicht übergangen fühlen.

[Alle Kommentare ausblenden] (103) Zum Anderen ist es verkürzt, einen Entscheidungsprozess mit dem Finden einer Entscheidung als abgeschlossen zu betrachten. Eine umfassende Betrachtung eines Entscheidungsprozesses muss vielmehr auch die Umsetzung einer Entscheidung in den Blick nehmen, denn was nützt die beste Entscheidung, wenn sie anschließend nicht umgesetzt wird? Dies ist auch in Rechnung zu ziehen, wenn wir die Effektivität verschiedener Entscheidungverfahren betrachten. Ob ein Entscheidungsverfahren gelingt, muss letztlich daran entschieden werden, ob die gefundenen Entscheidungen auch umgesetzt werden. Eine reine Betrachtung des Zeitraums, den ein Entscheidungsverfahren für das Treffen der Entscheidung braucht, ist in dieser Sicht eine untergeordnete Größe. Eine Entscheidung, die lange gereift ist, dann aber von allen Beteiligten konsequent umgesetzt wird, ist durchaus effektiver, als eine Entscheidung, die zwar schnell gefällt wurde, dann aber von den Beteiligten aktiv oder passiv boykottiert wird.

[Alle Kommentare ausblenden] (104) Die Frage der freiwilligen Umsetzung wirkt sich umso stärker aus, je größer der Freiheitsgrad derer ist, die eine getroffene Entscheidung umsetzen sollen. So ist es insbesondere bei Freien Projekten wie denen der Freien Software nicht möglich, die TeilnehmerInnen strukturell oder direkt zu zwingen. Jede gefundene Entscheidung muss also von denen mitgetragen werden, die sie umsetzen sollen. Aber auch in Verhältnissen, in denen die ausführenden Personen zur Ausführung einer Entscheidung gezwungen werden können - Lohnarbeitsverhältnisse mögen hier als Paradebeispiel dienen -, ist ein Mittragen der Entscheidung von großem Vorteil. Ungezählte Entscheidungen sind schon am aktiven, meist aber passiven Widerstand derer zerschellt, die die Entscheidung umsetzen sollten. Dies gilt um so mehr, umso mehr die Ausführenden kreative Leistungen erbringen.

[Alle Kommentare ausblenden] (105) In dieser Betrachtungsweise rückt die Community in den Blick, die den auf ein Thema bezogenen sozialen Prozess trägt. Die Art und Weise, wie Entscheidungsprozesse laufen, beeinflusst die Bildung einer Community erheblich. Öffentlichkeit, Transparenz und die Möglichkeit zur Partizipation schaffen eine tendenzielle hohe Integration der Beteiligten in die Community. Umgekehrt führt eine hohe Integration der Beteiligten, eine funktionierende Community zu einem hohen Maß an Partizipation wo es notwendig ist.

[Alle Kommentare ausblenden] (106) These: Gleichzeitig bildet sich in einer Community eine je eigene Kultur der Entscheidungsfindung. Das Maß an Öffentlichkeit, Transparenz und aktiver Partizipationsmöglichkeit, das durch den technologischen Rahmen von Mailing-Listen möglich ist, scheint mit hoher Regelmäßigkeit zu Strukturen zu führen, die anstatt als demokratisch besser als konsensorientierte Entscheidungsmodelle bezeichnet werden.

Konsens vs. Demokratie

[Alle Kommentare ausblenden] (107) These: Anstatt demokratischer sind tatsächlich konsensorientierte Entscheidungsmodelle die soziale Grundlage der heutigen Internet-Infrastruktur. Dies drückt David Clark vom MIT aus, wenn er das Motto der IETF (Internet Engineering Task Force) als "We reject kings, presidents and voting. We believe in rough consensus and running code." zusammenfasst. Tatsächlich sind die Standards, die die Grundlage des Internets bilden, wesentlich in Mailing-Listen erstellt worden. Die zahllosen Entscheidungen, die bei einer solchen Standardisierung getroffen werden müssen, sind also wesentlich konsensorientiert auf Mailing-Listen getroffen worden. Dass das Internet heute funktioniert, ist ein Beweis dafür, dass konsensorientierte Entscheidungsverfahren mit hoher Effektivität funktionieren und hervorragende Ergebnissen bringen können.

[Alle Kommentare ausblenden] (108) In den näher untersuchten Beispielen sind demokratische Abstimmungen, die zu Mehrheitsentscheidungen führen, nicht nur unbeliebt, sondern würden auch eine synchrone Unterbrechung des ansonsten asynchronen Entscheidungsprozesses auf einer Mailing-Liste erfordern. Immerhin muss für ein demokratisches Abstimmungsverfahren zumindest eine Deadline gesetzt werden, bis zu der die Stimmen abgegeben werden muss.

[Alle Kommentare ausblenden] (109) These: Tatsächlich entwickelt sich durch die permanente Partizipation aller Beteiligten ein Diskussionsprozess, bei dem es gar nicht notwendig ist, an einer Stelle per Abstimmung eine Entscheidung zu erzwingen. Vielmehr durchlaufen Vorschläge für eine Lösung so lange einen Zyklus von Diskussion, Modifikation und neuem Vorschlag, bis keiner der Beteiligten mehr widersprechen muss. Auf Mailing-Listen sind Entscheidungsprozesse somit integraler Bestandteil einer permanenten Diskussion, während die Bestimmung einer demokratischen Mehrheit eine von der problemorientierten Diskussion abgetrennte Sphäre bildet. Im Gegensatz zu einem Abstimmungsverfahren stellt sich eine Entscheidung dann ein, wenn gegen einen Vorschlag keine Bedenken mehr erhoben werden. Der Time-Out wird damit zur wesentlichen Größe in einem konsensorientierten Entscheidungsverfahren.

[Alle Kommentare ausblenden] (110) These: Setzen repräsentative Demokratiemodelle darauf, dass die Beteiligten durch RepräsentantInnen vertreten werden, so ist dies unter den Bedingungen jederzeitiger Partizipationsmöglichkeit nicht mehr notwendig und tatsächlich ist in den näher untersuchten Beispielen auch von Repräsentation praktisch niemals die Rede. Die technische Möglichkeit der unmittelbaren Partizipation, des unmittelbaren Eingreifens in Entscheidungsprozesse scheint zumindest explizite repräsentative Strukturen zwanglos überflüssig zu machen.

[Alle Kommentare ausblenden] (111) These: Die Art und Weise der konkreten Entscheidungsfindung strahlt auf den gesamten Prozess der Entscheidungsfindung aus. Wenn das Ziel eines solchen Prozesses Konsens ist, so werden die TeilnehmerInnen - im eigenen Interesse - versuchen, alle Bedenken zu berücksichtigen, so dass niemand mehr widersprechen muss. In demokratischen Modellen, in denen der Sieg in einer Abstimmung das individuelle Ziel eines Entscheidungsfindungprozesses ist, entwickelt sich dagegen eine ganz andere Dynamik. So ist es in konsensorientierten Entscheidungsprozessen nicht sinnvoll, Parteien zu bilden, die zur Organisation von Mehrheiten dienen. Vielmehr kooperieren die Individuen direkt und auf vielfältige Weise miteinander und müssen sich keiner Parteilinie und keinem Fraktionszwang beugen.

MaintainerInnen-Teams

[Alle Kommentare ausblenden] (112) In zwei der näher untersuchten Beispiele haben sich aus einer relativ großen Community MaintainerInnen-Teams gebildet, die sich explizit um die Organisation des jeweiligen Projekts und damit seinen Fortbestand und seine Weiterentwicklung kümmern. Auch die Working Groups der IETF oder des W3C können als solche MaintainerInnen-Teams betrachtet werden, die sich dediziert um Entscheidungsprozesse kümmern, die für eine große Community von Bedeutung sind. Wird Herrschaft als eine Service-Leistung für eine Community verstanden, so bilden die MaintainerInnen das Herrschaftspersonal. Gemeinsam ist allen solchen Teams, dass sie sich praktisch ausschließlich über spezielle Mailing-Listen organisieren.

[Alle Kommentare ausblenden] (113) Diese MaintainerInnen-Teams bilden sich spontan aus einem Bedürfnis der jeweiligen Personen heraus. Sie werden praktisch nie gewählt, sondern bestehen im Wesentlichen aus den Menschen, die sich freiwillig für eine solche Aufgabe entscheiden.

[Alle Kommentare ausblenden] (114) In den meisten Fällen sind MaintainerInnen die Leute, die besonders viel für ein Projekt geleistet haben und leisten und sich besonders dafür einsetzen. Darunter sind oft die ProjektgründerInnen, die in einigen Fällen auch als explizite MaintainerInnen eine leicht herausgehobene Stellung gegenüber den restlichen Team-Mitgliedern haben. Oftmals gilt der Grundsatz der Volunteerocracy: "The one who does the work calls the shots." (siehe z.B. Community Council Proposal, VI., P. [http://council.openoffice.org/CouncilProposal.html]).

[Alle Kommentare ausblenden] (115) Die Machtmittel solcher MaintainerInnen sind in allen Freien Projekten extrem beschränkt. Da die ProjektteilnehmerInnen alle freiwillig an einem Projekt teilnehmen, hat eine MaintainerIn nur wenig Möglichkeiten, eine TeilnehmerIn zu etwas zu zwingen. So ist bei unmoderierten Mailing-Listen ja auch gar keine a-priori-Kontrolle über die Äußerungen von TeilnehmerInnen gegeben, die also auch nicht zu einer Einschränkung des Schreibrechts genutzt werden kann. Im Höchstfall ist eine Verbannung aus dem Projekt möglich, die insbesondere eine Verbannung von den entsprechenden Mailing-Listen und damit einen Ausschluss zumindest von der aktiven Partizipation bedeutet.

[Alle Kommentare ausblenden] (116) MaintainerInnen sind aber auch selbst auf den Good-Will der TeilnehmerInnen angewiesen und haben auch von daher ein Interesse daran, zumindest wichtige TeilnehmerInnen im Projekt zu halten. Insgesamt besteht die Aufgabe einer MaintainerIn also vor allem darin, den Konsensprozess zu befördern und für dessen organisatorischen Rahmen zu sorgen.

Konklusion

Entscheidungsverfahren angesichts moderner Technik

[Alle Kommentare ausblenden] (118) Betrachten wir Entscheidungsverfahren umfassend, indem wir sowohl die Phase der Entscheidungsfindung als auch die Phase der Umsetzung einer Entscheidung betrachten, so können wir feststellen, dass Mailing-Listen als technologischer Backbone von Entscheidungsverfahren reichlich Chancen bieten. Die Partizipationsmöglichkeiten, die Mailing-Listen einerseits auf Grund ihrer offenen Struktur und andererseits auf Grund der einfachen und kostengünstigen Technik bieten, machen sie zu idealen Werkzeugen, um Entscheidungen unter Personengruppen zu treffen, die geographisch und/oder zeitlich voneinander getrennt sind. Tatsächlich basieren sehr, sehr viele virtuelle Projekte auf Mailing-Listen als zentralem Backbone - nicht zuletzt die, die die Standards für den virtuellen Raum selbst schaffen. Das Archiv einer Mailing-Liste schafft eine permanente Öffentlichkeit, die auch diejenigen integriert, die sich der Dynamik einer Mailing-Liste nicht direkt aussetzen wollen.

[Alle Kommentare ausblenden] (119) Die soziale Dynamik, die auf Mailing-Listen entsteht, unterscheidet sich erheblich von der, sie sich in demokratisch orientierten Gruppen ausbildet. Anstatt einer Ausrichtung auf das Erringen von Mehrheiten entstehen konsensorientierte Modelle, deren Ziel die maximale Einbeziehung aller Beteiligten ist. Probleme werden so lange diskutiert, bis keiner mehr widersprechen muss. Anstatt, dass sich Parteien ausbilden, die eine regelmäßige Mehrheitsbeschaffung zum Ziel haben, bringen sich die je Beteiligten an einem Prozess mit ihren Meinungen, Ideen und Wünschen als Individuen ein. Da sie auf einem Konsens basieren, haben die gefundenen Lösungen dennoch eine hohe Bindungskraft, so dass die Lösungen effektiv umgesetzt, zumindest aber nicht durch eine Minderheit torpediert werden.

[Alle Kommentare ausblenden] (120) Es scheint, dass die durch das Internet und insbesondere durch Mailing-Listen zur Verfügung gestellte Technologie regelmäßig zu einer sozialen Dynamik führt, die sich in demokratisch geprägten Offline-Communities gewöhnlich nicht ausprägt. Diese konsensorientierte Dynamik ermöglicht ein Maß an Partizipation, friedlicher Konfliktlösung und Berücksichtigung aller Bedürfnisse, wie es in demokratischen Communities nur selten erreicht wird. Mailing-Listen können von daher mit einigem Recht als ein wichtiges Phänomen angesehen werden, das demokratische Werte in einer neuen, noch partizipativeren, noch inklusiveren Struktur aufhebt.

Wofür andere Tools?

[Alle Kommentare ausblenden] (121) Wenn nun Mailing-Listen aber schon solche durchschlagende Wirkung haben, so ist zu fragen, wozu es dann eigentlich noch anderer Tools bedarf. Zwar ist die Frage erlaubt, ob Mailing-Listen auch auf gesamtgesellschaftliche Probleme skalieren, aber immerhin werden in den Strukturen von W3C und IETF Entscheidungen für sehr große Communities getroffen. Und auch dort kommen die Beteiligten ohne Abstimmungen aus.

[Alle Kommentare ausblenden] (122) Mailing-Listen sind wie kaum ein anderes Tool in der Lage, eine Community zu fördern. Wird die soziale Dynamik als entscheidender Faktor von Entscheidungsverfahren gesehen, so muss jedes andere Tool daraufhin befragt werden, ob es eine soziale Dynamik in ähnlicher Weise befördert.

[Alle Kommentare ausblenden] (123) Eine der wenigen Nachteile von Mailing-Listen ist die fehlende Feinstrukturierung von Diskussionen. Allerdings ist für eine inhaltliche Strukturierung in allen Medien ein Mensch nötig, der Inhalte in eine bestimmte Struktur bringt. Hierzu ist es günstig, auf beispielsweise Wiki-Seiten auszuweichen, die eine bestimmte strukturierte Information in statischer Weise vorhalten. Nützlich wären Tools, die die Erzeugung einer inhaltlichen Struktur einer Mailing-Liste einfacher machen.

Welche Fähigkeiten werden benötigt?

[Alle Kommentare ausblenden] (124) Wird ein Internet-Zugang vorausgesetzt, so sind Mailing-Listen von der Technologie her sehr einfach zu handhaben. Die Frage nach den Fähigkeiten ist also vor allem eine nach den sozialen Fähigkeiten. Da Mailing-Listen stark an den üblichen Formen eines gesprochenen Gesprächs bzw. einer gesprochenen Diskussion orientiert sind, sind ähnliche soziale Fähigkeiten gefragt wie in der gesprochenen Kommunikation. Wie bei vielen anderen Internet-basierten Formen, müssen die TeilnehmerInnen hochfrequenter Mailing-Listen die Fähigkeit des individuellen Filterns von Informationen haben. Da keine exekutive Moderation erfolgt, müssen die TeilnehmerInnen sich selbst moderieren.

[Alle Kommentare ausblenden] (125) Eine erhöhte Anforderung stellt sich in vielen Mailing-Listen dadurch, dass alle Äußerungen in einer großen Öffenbtlichkeit, bei offenen Archiven sogar potentiell vor einer Weltöffentlichkeit gemacht werden. Dies erhöht die Hürde, tatsächlich eine Äußerung zu machen. Da eine quasi-anonyme Teilnahme aber in praktisch allen Fällen möglich ist, ist auch diese Hürde zu meistern. Dennoch bleibt die Anforderung an die Beteiligten, ihre Bedenken, Wünsche und Ideen auch tatsächlich zu formulieren und nicht darauf zu warten, dass dies Andere für sie erledigen.

[Alle Kommentare ausblenden] (126) Dies kann dadurch erleichtert werden, dass das Klima auf einer Mailing-Liste freundlich ist und auch Beiträge aktiv ermutigt werden, die vielleicht zunächst seltsam oder gar abwegig klingen. Dies wiederum ist eine Anforderung an alle Beteiligten auf der Mailing-Liste: Erfahrungsgemäß kann ein aktives schwarzes Schaf einer Mailing-Liste nachhaltig Schaden zufügen.

A. Positionspapier

[Alle Kommentare ausblenden] (127) Im ersten Teil werden Mailing-Listen als zentrale Tools zur Entscheidungsfindung beleuchtet. Während ein Abschnitt sich der Technik von Mailing-Listen zuwendet, werden in einem weiteren Abschnitt technische und soziale Charakteristika von Mailing-Listen herausgearbeitet und ihre Eignung für Entscheidungsfindung werden hinsichtlich Transparenz und Partizipation erörtert.

[Alle Kommentare ausblenden] (128) Im zweiten Teil untersucht der Beitrag drei Beispielprojekte, an denen der Autor selbst beteiligt war oder ist. Die Beispiele stammen aus unterschiedlichen Domänen (ein politisches Service-Projekt (A-Infos), ein politisches Diskussionsprojekt (Projekt Oekonux), sowie die Tätigkeit in der Integrationsgruppe zweier großer Software-Projekte (Verbmobil und SmartKom)). Allen Projekten ist gemein, dass sie weitgehend oder vollständig im virtuellen Raum angesiedelt sind. Die Beispiele werden anhand ihrer Charakteristika kurz vorgestellt. Ferner wird auf Ähnlichkeiten dieser Beispiele zu Freie-Software-Projekten und zur Entwicklung des Internet hingewiesen.

[Alle Kommentare ausblenden] (129) Der dritte Teil fasst Entscheidungsfindung als Prozess auf, der in einem sozialen Raum statt findet und neben dem Treffen einer Entscheidung auch den Weg zu einer Entscheidung und ihre Umsetzung in den Blick nimmt. In diesem Zusammenhang wird auf die Unterschiede zwischen konsensorientierten und demokratischen Entscheidungsmodellen eingegangen. Das Modell der MaintainerInnen-Teams, die sich spontan in Projekten bilden, wird erörtert. Nicht zuletzt wird darauf eingegangen, wie die durch die Internet-Technik möglichen sozialen Interaktionsformen Entscheidungsfindung gegenüber nicht-virtuellen Communities insgesamt erheblich verändern.

[Alle Kommentare ausblenden] (130) Die Konklusion wendet sich noch einmal der Frage der Tools zu und fragt, ob es angesichts einer Vielzahl funktionierender Projekte überhaupt weiterer Tools zur Unterstützung von Entscheidungsfindung bedarf und was diese ggf. wirklich leisten müssten. Abschließend wird ein kurzer Blick auf die sozialen Fähigkeiten geworfen, die TeilnehmerInnen an solchen Entscheidungsfindungen beherrschen sollten.

B. Literatur

[Alle Kommentare ausblenden] (131) * FLOSS-Studie

[Alle Kommentare ausblenden] (132) * Cathederal and Bazaar

[Alle Kommentare ausblenden] (133) * Homesteading the Noosphere

[Alle Kommentare ausblenden] (134) * The Magic Cauldron

[Alle Kommentare ausblenden] (135) * Oekonux-Links

[Alle Kommentare ausblenden] (136) * http://council.openoffice.org/

[Alle Kommentare ausblenden] (137) * Debian-Vertrag

[Alle Kommentare ausblenden] (138) * http://www.ietf.cnri.reston.va.us/structure.html

[Alle Kommentare ausblenden] (139) * http://www.ietf.cnri.reston.va.us/rfc/rfc2026.txt

[Alle Kommentare ausblenden] (140) * c't-Artikel zu virtuellen Gemeinschaften




Quelle: http://www.opentheory.org/mailinglisten/text.phtml
(Last Software Update: 10.07.2003, 15:35)