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Konflikt, Kooperation und Konkurrenz - Überlegungen zur Selbstzerstörung der Menschheit - Teil 2
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Maintainer: Martin Auer, Version 1, 25.02.2002  Druckversion
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Sammler und Jäger

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Kehren wir zurück zu der kooperativen Ausprägung dieses Triebs, zu der schon beim Schimpansen festgestellten und daher vermutlich auch bei unseren gemeinsamen Vorfahren vorhandenen Neigung, Fleischnahrung zu teilen. Dieser schöne Zug war wohl eine der Voraussetzungen dafür, dass unsere Vorfahren sich von einer hauptsächlich auf Pflanzenkost beruhenden Lebensweise umstellen konnten auf eine, in der Fleisch eine wichtigere Rolle spielte. Zunächst werden sie eher Aas aufgespürt haben, von Raubtieren geschlagene Beute, von der man die erfolgreichen Jäger durch Steinwürfe und Geschrei verjagen konnte. Doch auch das erforderteschon die Zusammenarbeit der Gruppe, und diese Zusammenarbeit wäre erschwert gewesen, wenn man nicht mit einer gewissen Großzügigkeit bei den Partnern rechnen konnte. Oft genug war die Beute so klein, dass sie auch einer allein hätte davontragen können. Das hätte jedes Mal einen Wettlauf um die Beute und hinterherZank und Kampf bedeutet.

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Die heute noch existierenden Sammler- und Jägergesellschaften werden von den Anthropologen als egalitär und demokratisch beschrieben. Es gibt kaum Eigentumsunterschiede, da es überhaupt kaum Eigentum gibt. Das persönliche Eigentum eines durchschnittlichen Buschmanns wiegt gerade einmal 12 kg. Schließlich muss man mobil sein.[28] Typisch für den demokratischen Geist die Geschichte, die Turnbull von den BaMbuti (Pygmäen) erzählt: Als Sefu, ein ewiger Unruhestifter und Quertreiber sich als Häuptling bezeichnet, sagen die anderen sinngemäß: Ja so, dann musst du also ein Bantu sein, denn bei uns BaMbuti gibt es keine Häuptlinge.[29] Entscheidungen werden nicht nach formalen Regeln – wie etwa Abstimmung und Mehrheitsentscheidung – sondern es wird solange palavert, bis sich ein Vorgehen herauskristallisiert, mit dem alle leben können. Gejagt wird gemeinschaftlich und auch individuell (bei den BaMbuti nehmen an der Treibjagd auch Frauen und Kinder teil), die große Jagdbeute wird aufgeteilt. Wie in allen bekannten Kulturen ist die Paarbindung zwischen Mann und Frau vorherrschend, für die Kinder fühlt sich aber auch die gesamte Gruppe verantwortlich. Kinder werden sehr lange gestillt, werden sehr liebevoll und frei erzogen und lernen spielerisch, was sie können müssen. Die Gruppen bestehen aus mehreren Familien, ihre Größe ist meist unter 100. Familien wechseln frei von einer Gruppe zur anderen. Gruppen haben ihre angestammten Jagdgründe, die sich an den Rändern mit denen anderer Gruppen überschneiden. Krieg gehört nicht zu den ständigen Institutionen einer Sammler- und Jägergesellschaft. Sammler- und Jägergesellschaften haben nur ein sehr langsames Bevölkerungswachstum. Die Frauen stillen die Kinder sehr lange und oft, was dazu führt, dass sie erst Jahre nach einer Geburt wieder empfängnisbereit werden. Für Sammler- und Jägergruppen gibt es eine optimale Größe, die nicht über- oder unterschritten werden sollte. Im Verhältnis dazu gibt es auch eine optimale Größe für das Jagdgebiet, und es gibt keine Veranlassung, es vergrößern zu wollen. Man dringt höchstens einmal in ein fremdes Jagdgebiet ein, um dort eine besondere Delikatesse zu stehlen. Da andere Gruppen keine Nahrungsvorräte oder sonst großartige Besitztümer haben, gibt es auch keinen Grund, sie auszurauben. Probleme kann es geben, wenn eine Gruppe zu groß wird und sich teilen muss. In einer solchen Situation kann es theoretisch zu Verdrängungskämpfen kommen. Über Jahrmillionen gab es auf der Erde aber genug Platz, um auszuweichen. Turnbull schildert eine Konfrontation, bei der eine fremde Gruppe in das Jagdgebiet der von ihm untersuchten Gruppe eindrang, um Honig wilder Bienen zu stehlen. Die „Schlacht“ bestand im Wesentlichen aus wütendem Geschrei, Drohgebärden und ein paar Faustschlägen.[30]

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Da also nur wenige Situationen denkbar sind, in denen kriegerische Auseinandersetzung einer Sammlerinnen- und Jägergruppe überhaupt einen Vorteil bringen könnte, da sich solche Gruppen größere Verluste durch solche Auseinandersetzungen auch gar nicht leisten können, und da die Befunde bei noch existierenden Sammler- und Jägerkulturen ihren friedlichen Charakter bestätigen, dürfen wir davon ausgehen, dass durch Tausende Jahrhunderte vor dem Übergang zur Landwirtschaft Krieg im Leben der Menschen eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein muss.

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Frühe ökologische Katastrophen

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Die Evolution der Menschen von pflanzenfressenden Baumbewohnern zu sammelnden und jagenden Zweibeinern hat in Afrika stattgefunden. In dem Maß, wie die Menschen zu immer effizienteren, gefährlicheren Jägern wurden, konnten ihre Beutetiere die entsprechenden Fluchtreaktionen ausbilden. Auch als die Menschen langsam nach Europa und Asien vordrangen, fanden sie dort Tierpopulationen vor, die genetisch nicht völlig getrennt von ihren Verwandten in Afrika waren. Als die Menschen aber vor 40.000 bis 30.000 Jahren den australischen Kontinent betraten, und vor etwa 12.000 Jahren den amerikanischen, stießen sie dort auf große Säugetiere, die sich über Jahrmillionen ohne Gefährdung durch Menschen entwickelt hatten. Das Aussterben dieser großen Säugetierarten fällt, soweit es mit heutigen archäologischen Methoden festzustellen ist, zeitlich sehr genau mit dem Auftauchen der Menschen auf diesen Kontinenten zusammen. Aus historischer Zeit sind genügend Fälle bekannt, wo Seefahrer auf Inseln Tiere fanden, die keinerlei Scheu vor den ihnen unbekannten Menschen zeigten. Sie konnten mit einem Knüppel auf sie zugehen, sie erschlagen und braten. Binnen kurzer Zeit war zum Beispiel der berühmte Dodo ausgerottet. Es steht auch fest, dass die Maori, als sie Neuseeland besiedelten, in kurzer Zeit den Moa, einen flugunfähigen Großvogel, als hervorragenden Fleischlieferanten ausrotteten. Wissenschaftler wie Jared Diamond gehen davon aus, dass die erste Besiedelung Australiens und der beiden Amerikas jeweils eine gewaltige ökologische Katastrophe war.[31] Das Szenario muss man sich so vorstellen, dass die Menschen mit ihren Speeren, Keulen und Steinen sich zunächst auf Grund des ungeheuren, leicht zu erlangenden Nahrungsangebots gewaltig vermehrten und rasch über die Kontinente ausbreiteten, und in relativ kurzer Zeit, möglicherweise nicht mehr als tausend Jahren, feststellen mussten, dass sie sich ihrer eigenen Existenzgrundlage beraubt hatten. Mit abnehmendem Nahrungsangebot werden sie ihre Jagdmethoden noch verfeinert und verbessert und so den Zusammenbruch noch beschleunigt haben. Und schon lange bevor das letzte Riesenkänguru, das letzte Riesenfaultier abgeschlachtet war, müssen Gruppen um eben diese letzten noch nicht vernichteten Ressourcen gewaltsam konkurriert haben. Man kann noch weiter spekulieren und vermuten, dass Gruppen, die es in klimatisch wenig begünstigte und nicht so wildreiche Gegenden verschlagen hatte, einen sorglicheren Umgang mit den Ressourcen entwickelten (oder beibehielten), und dass nach dem Zusammenbruch der Neuanfang von diesen Gruppen ausging.

Landwirtschaft

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Die landläufige Vorstellung vom Übergang zur Landwirtschaft ist noch immer die, dass Menschen eines Tages entdeckten, dass und wie sie essbare Pflanzen vermehren konnten, dass sie den Schluss zogen, dass ihnen diese Art, ihre Nahrung selbst zu produzieren, mehr Sicherheit bot als von dem abhängig zu sein, was die Natur ihnen gab, und dass sie sich also niederließen, um nunmehr als Ackerbauern zu leben. So war es allerdings nicht. Es gibt genügend Beispiele von Sammlern und Jägern, die trotz ihrer Kenntnis der Pflanzenvermehrung es vorziehen, Sammler und Jäger zu bleiben. Nach neueren Erkenntnissen ist es eher so, dass die Menschen durch eine Verkettung von Umständen in die Landwirtschaft hineinschlitterten, ohne es gewollt oder geplant zu haben.

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Mit dem Ende der letzten Eiszeit nahm nicht nur die Durchschnittstemperatur zu, sondern auch die jahreszeitlichen Unterschiede. In der Gegend des Jordantals, wo die ältesten Spuren von Pflanzendomestikation festgestellt wurden, waren es vor allem Gräser und Hülsenfrüchte, die sich den neuen Bedingungen anpassen konnten, während andere verschwanden - und mit ihnen das Wild. Als einjährige Pflanzen kamen sie mit der verkürzten Vegetationsperiode besser zurecht, und ihre trockenen Samen konnten zwischen den Vegetationsperioden überdauern. Für Sammler und Jäger waren das Pflanzen dritter Wahl gewesen, wenig ergiebig und schwierig zu ernten im Vergleich zu Früchten, Nüssen, Wurzeln und dergleichen. Auf Grassamen griff man nur in Notzeiten zurück. Solche Notzeiten hatten jetzt begonnen. Die Landwirtschaft wurde zuerst von Menschen entwickelt, die durch zufällige Entwicklungen schon bestimmte Voraussetzungen dafür hatten: An fischreichen Seen, Flüssen oder Meeresufern haben auch Sammler und Jäger schon sesshafte Lebensweisen entwickelt. Die Natufier lebten im Tal des Jordan, wo es viele seichte Seen gegeben hatte, die nun, mit Ausnahme von dreien, austrockneten. Sie hatten schon mit Steinsplittern bestückte Sicheln, die zum Abschneiden von Schilf (für Matten und Körbe) entwickelt worden waren, und auch Mahlsteine, mit denen vorher verschiedene wilde Nahrungsmittel bearbeitet worden waren.[32]

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(In der biologischen Evolution finden wir vergleichbare Erscheinungen: Eine bestimmte genetische Mutation tritt in einer Population auf, ohne besonders zu stören oder zu nützen. Z.B. eine Veranlagung für ein dichteres Haarkleid. Individuen, die das Gen von nur einem Elternteil erben, werden es weitergeben, ohne selbst einen dichten Pelz zu bekommen. Individuen, die es von beiden Elternteilen erben, werden unter größerer Hitze leiden und einen Fortpflanzungsnachteil haben. Doch nun tritt ein Klimawandel ein, es wird kälter, und nun haben die Individuen mit dichterem Pelz einen Vorteil. Da die weniger behaarten öfter krank werden und sterben, steigen die Chancen, dass zwei dichtbehaarte Individuen sich paaren und dichtbehaarte Nachkommen kriegen. So setzt sich das Pelzgen, das vorher eine Ausnahmeerscheinung war, durch.

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Ähnlich können auch in der kulturellen Evolution Abweichungen von der Norm unter geänderten Bedingungen sich als Vorteil erweisen und zur Entwicklung einer neuen Norm beitragen.)

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Die landwirtschaftliche Lebensweise erforderte mehr Arbeit und war unsicherer als die Lebensweise der Sammler und Jäger. Sammler und Jäger nutzen Hunderte verschiedener Nahrungspflanzen, Ackerbauern manchmal nur ein Dutzend. Dadurch wurde erstens die Nahrung einseitiger und zweitens die Gefahr einer Katastrophe durch Ernteausfall größer. Die Archäologen haben festgestellt, dass die frühen Ackerbauern weitaus kleiner und kränker waren als ihre sammelnden und jagenden Vorfahren. Durch das nahe Zusammenleben verbreiteten sich Infektionskrankheiten unter Menschen wie Haustieren, und auch von den Haustieren zu den Menschen.[33]

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Ackerbauern brauchen freilich weniger Land pro Kopf. Getreidebrei eignet sich gut als Babynahrung, daher konnten die Frauen früher abstillen und wurden schneller wieder fruchtbar. Das begünstigte die Zunahme der Bevölkerungsdichte, und das wiederum machte es noch schwieriger, in Notzeiten auf Wildtiere und Wildpflanzen zurückzugreifen. Die Landwirtschaft erwies sich als Falle. Ein Zurück zur Sammler- und Jägerlebensweise war unmöglich geworden.

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Es war keineswegs so, dass der Ackerbau von den Nachbarn als großartige Erfindung begeistert aufgenommen und nachgeahmt worden wäre. Er verbreitete sich mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 1000 Metern pro Jahr. Warum aber hat er sich überhaupt ausgebreitet? Bevölkerungszuwachs und immer wiederkehrende Hungersnot zwangen immer wieder Menschen zur Auswanderung. Und die nahmen die landwirtschaftliche Kultur mit. Fand man unbesetztes Land, konnte man möglicherweise zur Sammler- und Jägertätigkeit zurückkehren. Doch wenn das Land von Sammlern und Jägern besetzt war, konnten Bauern mit ihrem geringeren Landbedarf sich vom Rand her zwischen die Jagdgebiete drängen.

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Die Landwirtschaft war also keineswegs die angenehmere, aber sie war die effizientere Lebensweise. Sie konnte mehr Menschen auf weniger Fläche ernähren, daher musste sie auf Dauer die wildbeutende Lebensweise verdrängen. Der Preis waren verkürzte Lebenserwartung, Katastrophenanfälligkeit, Seuchen – und der Eintritt der Arbeit in das Leben der Menschen. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“ lautet der Fluch, mit dem Adam und Eva aus dem Paradies einer Natur, die alles von sich aus gibt, vertrieben werden und sich zu Ackerbauern wandeln müssen. Von keinem Jägervolk ist bekannt, dass sie die Notwendigkeit zu jagen oder Früchte und Beeren zu sammeln als Belastung empfunden hätten.

 

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Parallel zu dieser Entwicklung begannen Jäger, die Herden vor allem von Huftieren folgten, diese Herden aktiv zu managen. Die nomadisierende Viehzucht entstand.

 

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Frühe Ackerbaugesellschaften waren immer noch egalitär. Die Funde zeigen keine nennenswerten Unterschiede zwischen Behausungen oder Grabbeigaben. Das gemeinsam Land wurde wahrscheinlich gemeinsam bearbeitet oder den Familien periodisch neu zugewiesen – darauf deuten jedenfalls spätere Gebräuche hin.[34]

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Frühe Bauerngemeinschaften scheinen auch nicht kriegerisch gewesen zu sein. „Bei den neolithischen Ausgrabungen fällt vielmehr das völlige Fehlen von Waffen auf, während es an Werkzeugen und Töpfen nicht mangelt“[35] Die Mauern um das alte Jericho wurden von der Wissenschaft zwar auch als Befestigungsanlagen gedeutet[36], ihre Funktion war aber wahrscheinlich, die Stadt vor Schlammfluten zu schützen.[37]

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Endemischer Krieg

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Nichtsdestoweniger steht fest, dass heute noch existierende einfache Acker- oder Gartenbaukulturen den Krieg praktizieren. Vielzitierte Beispiele sind die Maring in Neuguinea und die Yanomamö im Amazonasgebiet. Die Stammes- und Clankriege dieser Kulturen wirken befremdlich, weil sie nur wenig gemeinsam haben mit den Kriegen, die den Hauptinhalt unserer Geschichtsbücher ausmachen. Vielleicht könnte man genau das zu ihrer Charakterisierung verwenden: Es sind ahistorische Kriege, Kriege, die keine historischen Veränderungen bewirken. Sie zeichnen sich weiters durch starke Ritualisierung aus und durch ein starkes Element des Zweikampfs und der Blutrache.

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Die Maring legen durch Brandrodung Gärten im Urwald an und züchten Schweine. Sobald die Schweinepopulation ein gewisses Ausmaß angenommen hat, wird es Zeit, ein großes Fest für die Verbündeten zu geben, die mit Fleisch und Fett bewirtet werden, um das Bündnis zu festigen. Gleichzeitig wird der Friedensbaum ausgerissen und den verfeindeten Clans der Krieg erklärt. Eine Waldlichtung wird von beiden Parteien abwechselnd gesäubert und als Kampfplatz hergerichtet. Zum vereinbarten Termin ziehen die feindlichen Parteien singend und tanzend zum Kampfplatz, rufen einander Beschimpfungen und Drohungen zu und schießen aus der Deckung großer Schilde mit stumpfen Pfeilen aufeinander. Sobald jemand ernsthaft verletzt wird, vermitteln mit beiden Seiten befreundete Personen. Hier kann der Krieg enden. Wenn eine Seite auf weiterer Rache (für in früheren Kriegen begangene Untaten) besteht, kommen Äxte und Stoßspeere ins Spiel, die beiden Parteien rücken nun näher aufeinander zu. Nun kann es sein, dass eine Seite losstürmt um der anderen tödliche Verluste beizubringen. Sobald jemand getötet wird, wird ein Waffenstillstand ausgehandelt. Nun gibt es ein oder zwei Tage Kampfpause für Begräbnisrituale bzw. Dankopfer an die Ahnen. Dann kehrt man wieder auf den Kampfplatz zurück. Zieht sich der Kampf in die Länge, werden die Verbündeten lustlos und wollen nach Hause. Wird so eine Partei einseitig geschwächt, kann die andere einen Sturmangriff versuchen und die schwächere Partei vom Kampfplatz jagen. Die Unterlegenen fliehen dann in die Dörfer ihrer Verbündeten. Die Sieger verfolgen sie nicht, sondern überfallen ihr Dorf, töten dort eventuell vorgefundene Nachzügler, zünden Häuser und Vorräte an und treiben die Schweine fort. In zwei Drittel aller Kriege kommt es zu einer solchen Zerstörung. Nun pflanzen die Sieger den Friedensbaum und für zehn bis zwölf Jahre herrscht wieder Waffenstillstand.[38]

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Man kann sich vorstellen, dass das Leben im Hochland von Neuguinea jahrhundertelang so weitergeht, ohne dass sich durch die periodisch veranstalteten Kriege etwas Grundsätzliches ändert. Im Gegenteil tragen diese Kriege zur Stabilität bei, indem sie das Wachstum sowohl der Menschen- als auch der Schweinepopulation begrenzen und so eine Überausbeutung des Waldes verhindern helfen. Wobei die Wachstumsbegrenzung nicht durch die Verluste in der Schlacht bewirkt werden – Männer sind ersetzbar – sondern weil eine kriegerische Gesellschaft dazu tendiert, weiblichen Nachwuchs aktiv (durch Kindsmord) oder durch Vernachlässigung zu reduzieren. Die Sieger besetzen nicht direkt das Land der Besiegten, doch die Besiegten suchen Unterschlupf bei verbündeten Clans und meiden ebenfalls ihre alten Gärten, so dass diese über Jahre unbebaut bleiben und das Land sich erholt. Nach Jahren kehren entweder die Besiegten zurück oder die Sieger nehmen nach und nach das Land in Besitz.

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Periodische Neuverteilung des Lands und Wachstumsbegrenzung sind aber Nebeneffekte dieser Art von Krieg. Dass der Krieg immerhin in einem Drittel der Fälle endet, ohne dass eine Partei den Versuch macht, die andere ernsthaft zu schädigen, macht deutlich, dass das ritualisierte Kriegsspiel nicht bloß ein Vorspiel ist, sondern um seiner selbst willen veranstaltet wird. Die Funktion dieses „Null-Krieges“ („nothing-war“) ist wohl ziemlich eindeutig demonstrative Kraftverschwendung. Verräterisches Indiz dafür ist die Anwesenheit der Frauen auf dem Schlachtfeld. Dieser Teil des Kriegs könnte auch durch ein Fußballmatch oder einen sonstigen sportlichen Wettkampf ersetzt werden.

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Der „sportliche“ Charakter des Krieges kommt z.B. auch in einem seltsamen Brauch der Dakota zum Ausdruck: Besonders tapfere Krieger stürzen sich in die Schlacht, nicht, um Feinde zu töten, sondern sie nur mit einem speziellen Stab zu berühren. Jede Berührung ist ein „Coup“ – ein Pluspunkt. Wer in der Schlacht viele Coups sammelt, wird ebenso oder mehr geehrt als einer, der viele Feinde getötet hat.

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Man kann diese und ähnliche Formen des endemischen Krieges, wie Blutrache, Kopfjagd und dergleichen, vielleicht so charakterisieren: Diese Form des Kriegs existiert, weil kriegerisches Heldentum ein ebenso gutes „kostspieliges Signal“ für gute Überlebensfähigkeit ist wie viele andere. Frauen, die Kriegshelden sexy finden, haben ebenso gute Chancen auf lebensfähigen Nachwuchs wie Frauen, die große Jäger sexy finden. Napoleon Chagnons Untersuchungen scheinen zu belegen, dass besonders aggressive Yanomamö-Männer mehr Nachkommen haben.[39] Diese Form des Kriegs existiert weiters, weil Ackerbauern bzw. Gartenbauern ihn sich zumindest periodisch leisten können. Sie häufen Überschüsse an, die ihnen das Kriegführen eine Zeitlang erlauben. Diese Form des Kriegs kann sich schließlich halten, weil sie die Bevölkerungsdichte auf einem ökologisch tragbaren Niveau begrenzt.

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Diese stabilisierende Wirkung des endemischen Kriegs kann man wie Marvin Harris als „ökologisch sinnvolle Anpassung“ werten, man kann sie aber genauso gut als kulturelle Stagnation deuten. Die Maring investieren ihre Überschüsse in demonstrative Kräfteverschwendung, anstatt sie, wie es anderswo geschehen ist, in kulturellen Fortschritt zu investieren. Würde der Krieg ihr Bevölkerungswachstum nicht bremsen, müssten sie Wege finden, die Produktivität ihrer Wirtschaft zu erhöhen, oder auswandern, um Neuland zu kolonisieren, oder andere Methoden finden, das Bevölkerungswachstum zu kontrollieren. Anpassung oder Teufelskreis – das lässt sich nur vom Endergebnis her bewerten.

Krieg und Tribut

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Eine gänzlich andere Dynamik entwickelte der Krieg im Zweistromland und im Niltal, wo sich die ersten Ackerbaukulturen entwickelt hatten. Lewis Mumford rekonstruiert die Entwicklung so, dass die neolithische Ackerbaukultur mit der paläolithischen Jägerkultur zusammenstieß.Ackerbau ist mit dem Anhäufen von Vorrätenverbunden. Der Antrieb dazu mag rational und auch irrational sein: Ein großer Getreidehaufen in der Vorratsgrube ist ebenso ein „kostspieliges Signal“ für überschießende Kraft wie eine Versicherung gegen Ernteausfall. Jägergruppen entdeckten, dass die von den Ackerbauern aufgehäuften Vorräte eine leicht zu erlangende Jagdbeute waren.[40] Waren die Bauern erst genügend eingeschüchtert, konnte man sich die Raubüberfälle sparen und den Bauern anbieten, sie gegen Leistung eines regelmäßigen Tributs vor Raubüberfällen zu schützen. So entstanden zweierlei Hierarchien. Einerseits setzten sich die Jäger über die Bauern. Andererseits konnten die Anführer der Raubüberfälle ihre Position institutionalisieren und sich zu Häuptlingen aufschwingen. In der egalitären Jägerhorde wurden Aktivitäten, die einer Leitung bedurften, jeweils von den dafür geeignetsten Personen angeführt, eine Jagdexpedition wurde von einem geschickten Jäger angeführt, doch bei der Auswahl und Anlage eines neuen Lagerplatzes wurde auf den Rat ganz anderer Personen gehört. Wurden die Kriegszüge zur bestimmenden Aktivität, so konnte aus einem zeitweiligen Anführer auf einem beschränkten Gebiet, einem Ersten unter Gleichen, dessen Autorität auf seiner fachlichen Eignung beruhte, ein unumschränkter Häuptling werden, dem alle jederzeit zu gehorchen hatten.

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„Diese ursprüngliche Verbindung zwischen Königtum und Jagd ist in der gesamten geschriebenen Geschichte sichtbar geblieben: von den Stelen, auf denen sich ägyptische wie assyrische Könige ihrer Tapferkeit als Löwenjäger rühmen, bis zur Erhaltung riesiger Jagdreviere als unantastbare Domänen der Könige unserer eigenen Epoche.“[41]

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Die Ausgrabungen zeigen, dass auch schon egalitäre, unabhängige Bauerngemeinschaften ihre Überschüsse bis zu einem gewissen Grand in die Verbesserung der Produktion investierten. Bewässerungsanlagen im lokalen Maßstab wurden auch schon ohne Könige errichtet, eine gewisse Arbeitsteilung war schon vorhanden, indem sich manche Dorfmitglieder auf die Herstellung von Töpfen oder Werkzeugen spezialisierten. Doch unter der Herrschaft der Kriegerhäuptlinge konnte eine ganz andere Dynamik entstehen: Kriegerhäuptlinge können den Überschuss von mehreren Dörfern abschöpfen. Je mehr Dörfer sie beherrschen, umso mehr Überschuss können sie im Zentrum konzentrieren. Sie können die Dörfler aber auch zwingen, sich für ihren täglichen Bedarf mit weniger zufrieden zu geben, als sie es freiwillig täten, wodurch sich der Überschuss, über den die Häuptlinge verfügen, noch einmal erhöht. Einen Teil dieser Überschüsse werden die Krieger einfach verprassen. Doch einen Teil können sie auch in Steigerung der Arbeitsproduktivität, z.B. Bewässerungen investieren, um in späteren Jahren noch mehr Überschüsse an sich ziehen zu können. Aber den größten Teil werden sie in die Verbesserung ihrer militärischen Effizienz investieren, in Waffen und Befestigungen. Doch auch dadurch tragen sie auf längere Sicht zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität bei. Sie können Spezialisten beschäftigen, die von der landwirtschaftlichen Tätigkeit befreit sind und sich ganz der Perfektionierung ihres Handwerks widmen. Erfindungen aus dem militärischen Komplex kommen später auch dem zivilen Bereich zugute, so wie auch heute noch die Teflonbeschichtung für Bratpfannen aus der militärischen Raumfahrt kommt. So beginnt sich das Rad des Fortschritts zu drehen.

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War unter Sammlerinnen und Jägern der Krieg eine vereinzelte Ausnahme, unter Hortikulturalisten endemisch aber statisch, so wird der Krieg der kombinierten Krieger-Bauern-Gesellschaft maßlos. Weder Sammler/Jäger noch egalitäre Ackerbauern können mehr Land brauchen, als sie bewirtschaften können. Doch der Tributstaat ist noch expansionistischer als die Ameisenkolonie. Für den Kriegerfürsten bedeutet mehr Land mehr tributpflichtige Bauern, mehr Tribut bedeutet mehr Krieger, mehr Verwaltungsbeamte, mehr Priester und mehr Spezialisten für Waffenherstellung, für die Herstellung von Luxusgütern, für die Errichtung von Palästen und Tempeln. Und all das wird wieder in militärische Macht umgesetzt und benutzt, um noch mehr Land zu erobern und noch mehr Bauern tributpflichtig zu machen. Bleiben dann noch Überschüsse, kann sie der König in demonstrative Verschwendung investieren, wie zum Beispiel den Bau von Pyramiden. Dazu steht der Kriegerfürst bald in Konkurrenz zu benachbarten Kriegerfürsten, deren Expansionsdrang ebenso maßlos ist. Im Kampf der Nachbarfürstentümer werden die Territorien der Besiegten denen der Sieger einverleibt, noch mehr Tribut kann beim Häuptling, der nun zum König wird, konzentriert werden. So entsteht schließlich das Reich. Der Ausdehnung des Reichs sind wohl technische Grenzen gesetzt - zum Beispiel durch die vorhandenen Kommunikations- und Transporttechniken oder durch geografische Umstände - aber keine prinzipiellen.

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Form und Ziele des Kriegs werden also nicht durch die psychologische Grundausstattung des Menschenwesens bestimmt, auch nicht durch einfache Größen wie Bevölkerungsdichte und Bevölkerungswachstum, sondern durch die innere Struktur der Gesellschaft.

 

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Mit der Entstehung des Krieger-Bauernkomplexes in der Jungsteinzeit beginnt ein Prozess positiver Rückkopplung, der binnen 10.000 Jahren die Produktivität menschlicher Arbeit bis auf das heutige Maß gesteigert hat: Stehen sich zwei Reiche gegenüber, so wird dasjenige siegen und sich das andere einverleiben, dessen Bevölkerung den höheren in militärische Macht umsetzbaren Überschuss hervorbringt. Beziehungsweise werden solche erfolgreiche Kulturen zu Vorbildern, nach denen sich benachbarte Kulturen modeln.

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Nicht diejenige Kultur setzt sich durch, die ihren Mitgliedern die höhere Lebensqualität bietet, sondern diejenige, die effizienter produziert. Das bleibt für die ganze Epoche der Zivilisation bestimmend.Und der Tributstaat, der den Bauern nur wenig mehr als das Existenzminimum lässt, ist eben effizienter als die egalitäre Ackerbauerngemeinschaft, als der nomadische Viehzüchterstamm oder gar die Sammlerinnen- und Jägerhorde. Es ist die Konkurrenz der Reiche, die die Geschichte von nun an vorantreibt.

 

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Die Viehzüchternomaden können sich noch am besten der Unterwerfung durch das Reich entziehen. Das Reich beruht auf den Getreideüberschüssen, die man den Bauern abnehmen kann. Die Nomaden können ausweichen in die Wüsten und Steppen und plagen noch jahrtausendelang die Reiche mit ihren räuberischen Überfällen. Wenn das Reich stagniert, zuviel in Luxus und demonstrative Verschwendung investiert statt in militärische Macht, gelingt es den Nomaden, das Reich zu erobern und sich selbst zur herrschenden Klasse aufzuwerfen. Doch diese Herrschaft hat nur Bestand, wenn sie sich die Kultur des Reichs zu eigen machen undweiterentwickeln.

Schrift und Arbeitsteilung

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Schon früh in der Epoche der Zivilisation hat der mesopotamisch-ägyptische Komplex zwei wesentliche Elemente zur Konzentration des Überschusses hervorgebracht: Die Schrift und die extreme Arbeitsteilung. Die Schrift wurde in Mesopotamien zur Aufzeichnung von Abgabenentwickelt. Zunächst wurden dem Verwalter fürjedes abgelieferte Maß Korn eine Marke (aus dem überall vorhandenen Lehm geformt) übergeben. Hatte er eine bestimmte Anzahl solcher Marken, wusste er, dass die gleiche Anzahl von Kornmaßen in seine Scheune gebracht worden war. Anders geformte Marken standen für einen Krug Öl oder für ein Schaf usw. Aus solchen Marken entwickelte sich die Schrift, ein unschätzbares Mittel, um das Einziehen und Verteilen des Tributs zu kontrollieren. Die Schrift bringt die Befehle des Zentrums bis an die entlegensten Grenzen des Reichs und die Informationen aus dem Reich wieder ins Zentrum. Die Schrift ermöglicht die Entstehung der Bürokratie, die den Zusammenhalt des Reichs gewährleistet.

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Die ägyptische Bürokratie entwickelte Meisterschaft nicht nur in der Verwaltung des Arbeitsprodukts, sondern auch in der Organisation der Arbeit. Das Grundmuster war dasselbe bei Bergbauexpeditionen wie bei Eroberungszügen und hat sich in der Organisation der Armeen bis in unsere Zeit erhalten: „Grundeinheit war die Abteilung unter der Aufsicht eines Gruppenführers. Selbst in den Ländereien der reichen Grundbesitzer des alten Reiches herrschte diese Struktur vor. Erman zufolge formierten sich die Abteilungen zu Kompanien, die unter eigenem Banner marschierten oder paradierten. An der Spitze jeder Arbeiterkompanie stand ein Vorarbeiter, der den Titel Kompaniechef trug. Man kann ruhig behaupten, dass es in keinem frühneolithischen Dorf je etwas Derartiges gegeben hat.“[42]

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„‚Der ägyptische Beamte’, bemerkt Erman, ‚kann diese Leute nur als Kollektiv sehen.; der individuelle Arbeiter existiert für ihn ebenso wenig wie der individuelle Soldat für unsere höheren Armeeoffiziere existiert.’“[43]

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Lewis Mumford nennt diese Organisationsform die Megamaschine. Sie beruht auf der Zerlegung des Arbeitsvorgangs in kleinstmögliche Bestandteile, die mechanisch ausgeführt werden können. Voraussetzung für die spätere Entwicklung mechanischer Maschinen. „...war die große Arbeitsmaschine in jeder Hinsicht eine echte Maschine: um so mehr, als ihre Komponenten, obgleich aus menschlichen Knochen, Nerven und Muskeln bestehend, auf ihre rein mechanischen Elemente reduziert und streng auf die Ausführung begrenzter Aufgaben zugeschnitten waren. Die Peitsche des Aufsehers sicherte Konformität.“

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„Das Geheimnis der mechanischen Kontrolle bestand darin, dass ein einziger Kopf mit genau bestimmtem Ziel an der Spitze der Organisation war und dass es eine Methode gab, Anweisungen über eine Reihe von Funktionären weiterzugeben, bis sie die kleinste Einheit erreichten. Exakte Weitergabe der Anweisung und absolute Unterwerfung waren gleichermaßen von wesentlicher Bedeutung.“[44]

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„Wirken auf Entfernung durch Schreiber und schnelle Boten, war eines der Kennzeichen der neuen Megamaschine... ‚Der Schreiber, er lenket jede Arbeit, die in diesem Lande ist’, heißt es in einem Text aus dem Neuen Königreich Ägypten.“[45]

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„Hätten rein menschliche Arbeitsformen, die die Menschen zur Befriedigung ihrer unmittelbaren Bedürfnisse freiwillig auf sich genommen hätten, vorgeherrscht, dann wären die kolossalen Errungenschaften der frühen Zivilisation vermutlich unvorstellbar geblieben – das muss man zugeben. (...) Hätte jedoch andererseits die kollektive Maschine nicht Zwangsarbeit – in Form von periodischen Zwangsaushebungen oder Sklaverei – verwenden können, dann wären die ungeheuren Fehlschläge, Perversionen und Vergeudungen, die stets mit der Megamaschine einhergingen, vielleicht unterblieben.“[46]

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Wie Kooperation Arbeitsteilung und Spezialisierung zur Folge hat, haben wir also beim Zusammenschluss von Zellen zum vielzelligen Organismus gesehen, wir haben es bei der Ameisenkolonie gesehen und sehen es jetzt wieder bei der menschlichen Gesellschaft. Eine einzelne Leberzelle ist weder lebensfähig noch hat sie eine Daseinsberechtigung. Eine einzelne Ameise, herausgelöst aus dem Netzwerk einander durch Düfte und Futtergaben steuernder Mitameisen, ist ein leerlaufender Automat. Und der Mensch?

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Geld und Sklaven – Die Tücken des Markts

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Der griechisch-römische Komplex entwickelte zwei weitere Komponenten der Zivilisation, zwei wesentliche Elemente zur Konzentration von Überschuss: Gemünztes Geld und die Sklaverei.

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Arbeitsteilung erfordert die Verteilung der produzierten Güter. Die Verteilung kann durch gemeinschaftlichen Konsum geschehen, etwa in der Familie, oder wenn die Teilnehmer an einer Treibjagd (Späher, Treiber, Netzeaufsteller, Speerwerfer) sich die Beute teilen; durch unmittelbaren Tausch zwischen den Produzenten (Eine Bronzehacke gegen einen Scheffel Korn); durch organisierte Umverteilung, etwa wenn der Pharao Tribut und Steuern in Form von Getreide einhebt und dieses an seine Beamten und Spezialisten, seine Soldaten, Palastarbeiter und Arbeiter an öffentlichen Bauten verteilt; und schließlich durch spezialisierte Händler und Kaufleute.

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Von all diesen Formen hat sich der Handel als die flexibelste und effizienteste erwiesen.

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Der Handel erhöht die Produktivität der Arbeit nicht in der Weise, wie eine Erfindung es tut, z.B. der eiserne Pflug und die Verwendung von Zugtieren. Aber der Handel ermöglicht Arbeitsteilung im großen Stil, auch zwischen Produzenten, die einander weder kennen noch unter einer gemeinsamen Autorität stehen. Der Handel ermöglicht, dass Individuen das produzieren, was sie mit dem geringsten Arbeitsaufwand und dem höchsten Ertrag produzieren können. Aber nicht nur Individuen, auch ganze Regionen können sich auf diese Weise spezialisieren. So wird in dem gesamten durch Handel verbundenen Gebiet die Menge der Arbeitsprodukte und damit auch die Menge des Überschusses erhöht. Der Vorteil für den einzelnen Handelspartner liegt also nicht sosehr darin, dass er etwas bekommt, was er sonst gar nicht haben könnte, sondern dass er für sein Produkt, das ihn eine bestimmte Anzahl Arbeitstage gekostet hat, eines bekommt, das er selbst nur mit einem größerenAufwand an Arbeit hätte herstellen können. Der griechische Olivenpflanzer kann für eine halbe Jahresernte Olivenöl soviel Getreide aus Ägypten bekommen, wie er auf seinem eigenen Grund, hätte er ihn mit Getreide bebaut, nur in einem ganzen Jahr hätte ernten können. Der ägyptische Getreidepflanzer kann mittels Bewässerung zweimal im Jahr Getreide ernten, während Ölfrüchte ihm nur eine Ernte geben würden. So steigern beide, Olivenbauer und Getreidepflanzer ihre Effektivität, wenn sie ihre Produkte tauschen. Die Gesamtmenge an produziertem Getreide und Olivenöl ist höher, als wenn jeder beides produziert hätte. (Realistischer wird das Beispiel, wenn man statt einzelner Handelspartner Regionen einsetzt, die miteinander tauschen.) Und es hängt vom Geschick des Händlers ab, der den Tausch vermittelt, wie viel von dem beiderseitigen Vorteil er für sich selbst abzweigen kann. Er muss schließlich jedem der beiden Produzenten nur soviel geben, dass der einen spürbaren Vorteil davon hat, der ihm den Tausch noch lohnend erscheinen lässt. Den Rest kann er einsacken, sofern das lohnende Geschäft nicht andere Händler anzieht, die, um ihren Anteil am Markt zu bekommen, den Produzenten günstigere Bedingungen bieten. Doch die seefahrenden Griechen hatten nur die Phönizier als ernsthafte Konkurrenten und so konnte ein großer Teil des zusätzlich geschaffenen Reichtums nach Griechenland transferiert werden. Die Überlegenheit des Marktes über den Tributstaat zeigte sich in der siegreichen Auseinandersetzung der Griechen mit den Persern.

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Doch der Markt zeigte auch gleich seine Tücken. Der griechische Getreidebauer wusste nicht, wie ihm geschah, als sein Getreide infolge der ägyptischen und italienischen Konkurrenz immer weniger wert wurde. Nicht er war es, der den Vorteil hatte, sondern sein Nachbar, der Olivenpflanzer. Dem Getreidebauern, dessen Vater noch ein schönes Auskommen gehabt hatte, musste es wie das Eingreifen einer höheren Macht erscheinen, dass ihm seine Arbeit, die er genauso gewissenhaft leistete wie sein Vater früher, nicht mehr genug zum Leben einbrachte und er schließlich sein Land verlor und wegen seiner Schulden als Sklave verkauft wurde. Denn durch das billige Getreide, das an der Küste auf den Markt kam, sanken auch im Landesinneren die Preise. Der Bauer hatte noch immer dieselben Abnehmer wie früher, doch sie waren nicht mehr bereit, soviel wie früher zu zahlen. Der Markt wurde ihm zum Schicksal, dem gegenüber menschliches Tun machtlos war.

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Der Olivenpflanzer, dem dasselbe undurchschaubare Schicksal gewogen war und der seinen Besitz bald um das Land des Getreidebauern vermehrt hatte, sah gerührt den Tragödien eines Sophokles zu, in denen regelmäßig das Schicksal sich stärker erwies als menschliches Planen und Trachten. Neben ihm saß der Sandalenmacher, dessen Schicksal abhängig war vom Import italienischer Rinderhäute und neben dem der Zimmermann, dessen Aufträge vom Preis des Bauholzes aus der nördlichen Ägäis abhingen, und neben dem der Weinbauer, der heuer nicht weniger fleißig gewesen war und nicht weniger geerntet hatte als letztes Jahr, und dem doch das extrem gute Weinjahr in Italien zum Verhängnis werden konnte, ohne dass er die Ursache erfuhr.

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Der Wert der Produkte menschlicher Arbeit wurde in Geld gemessen, Metallstücken, deren Zusammensetzung und Gewicht standardisiert war und durch einen Prägestempel leicht kenntlich. Das war eine lydische Erfindung, die die Griechen von ihren Nachbarn übernommen hatten. Doch nicht nur Waren konnten in Geld bewertet werden, auch Tätigkeiten wie das Holzhacken oder ein Sexualakt. Die Arbeit selbst wurde zur Ware.

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Steuern und Abgaben wurden in Geld entrichtet, und auch die Opfer an die Götter. Die entlegensten Dinge, die zuvor nicht vergleichbar und messbar gewesen waren, wie etwa ein Gedicht, ein Liebesakt und ein Stück Brot, bekamen nun einen gemeinsamen Nenner. Auch wer nicht lesen und schreiben konnte, musste zählen und rechnen können. Die Gewohnheit, von konkreten Eigenschaften, Qualitäten, abzusehen und im Vergleich alles auf Quantitäten zu reduzieren, nämlich auf den Wert in soundsoviel Silbermünzen, förderte abstraktes Denken. So ist es kein Wunder, dass der älteste bekannte Philosoph, Thales, ein Kaufmann war, der die mathematischen Erkenntnisse der Ägypter weiterentwickelte, und dass er überlegte, welches der Urstoff, der gemeinsame Nenner alles Seienden sein könne, und auf das Wasser kam. Noch abstrakter dachte sein Zeitgenosse Anaximandros, der als Urprinzip ein Unbestimmtes und Grenzenloses annahm, das apeiron, während Anaximenes, der dritte Milesier, den gemeinsamen Nenner, auf den alles reduziert werden könne, in der Luft sah.

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Der Markt teilte den Menschen ihre Beschäftigung zu. Was einer tat, bestimmten nicht mehr so sehr Tradition, familiäre Verpflichtungen oder Stammesbindungen. Man tat das, wofür man am meisten Geld bekommen konnte, ob man nun mit Wein handelte oder mit Sklaven oder sich als Söldner einem fremden Herrscher verdingte. Sowohl Platon als auch Aristoteles sahen diese Entwicklung mit Unbehagen. Platon hätte das Geld am liebsten ganz abgeschafft, Aristoteles meinte, von einem reichen Mann müsste man für dieselbe Ware mehr verlangen als von einem armen.[47]

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Die griechische Händlernation konnte sich leisten, nicht nur ein Zentrum zu haben, sondern mehrere. Erst nach der Hochblüte des klassischen Griechenland wurde es unter Philipp von Mazedonien zu einem Reich zusammengeschlossen. Die Stadtstaaten konnten sich sowohl starke Heere und Flotten leisten als auch die herrlichen Bauten und Kunstwerke, die wir heute noch kennen, sportliche und literarische Wettkämpfe im großen Stil, Redner, Politiker und müßige Schwätzer, die sich auf dem Marktplatz, der Agora, trafen, um dort zu handeln, Politik zu machen und zu philosophieren.

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Krieg war nicht – wie für den Tributstaat - das primäre Instrument, um den Überschuss zu konzentrieren. Der Markt ermöglichte die Konzentration und den Transfer der Überschüsse über Staatsgrenzen hinweg. Doch der Krieg blieb nötig, um sich Konkurrenten vom Hals zu schaffen – und um Sklaven zu erbeuten.

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Sklaverei ist einerseits die extremste Form der Ausbeutung bzw. Überschussaneignung. Aber da Sklaven keinerlei eigenes Interesse an einer Steigerung ihres Outputs haben, nicht unbedingt die effektivste. In Rom hat sich die folgende positive Rückkopplung eingespielt: Die Erbeutung neuer Sklaven und ihr Einsatz auf den Landgütern der Großgrundbesitzer ruinierte die freien Bauern. Denen bot sich als Ausweg der Dienst in der Armee an. So konnten neue Gebiete erobert werden, neue Sklaven erbeutet werden, noch mehr Bauern ruiniert werden, die wiederum zur Vergrößerung der Armee zur Verfügung standen. Und die waren auch nötig, denn um die wachsenden Staatsausgaben finanzieren zu können mussten neue Eroberungen gemacht werden. Rom hat im Lauf seiner Geschichte von den erbeuteten Überschüssen immer weniger in die Steigerung der Produktivität und fast ausschließlich in Luxus und militärische Macht investiert. Daran ist es letztlich zugrunde gegangen.

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Da die Ausbeutung von Sklaven die extremste, aber nicht die effektivste Form der Ausbeutung ist, hat schon in den letzten Jahrhunderten des Kaiserreichs die Leibeigenschaft die Sklaverei zu verdrängen begonnen. Hier wird dem an die Scholle gebundenen Bauern ein festgelegter Prozentsatz seines Produkts abgenommen, so dass bei besserem Ergebnis auch der Familie des Bauern mehr bleibt, und sie so selbst an der Steigerung ihrer Produktivität interessiert sind.

Industriekapitalismus – Explosion der Produktivität und Kampf um Märkte

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Die Markt- und Geldwirtschaft in Europa hat mit dem Untergang Roms einen schweren Rückschlag erlitten und siebenhundert Jahre gebraucht, um sich zu erholen. An den Küsten Europas entstanden wieder Handelsstaaten, wo das Kapital angesammelt wurde, das zur Entstehung der bisher effektivsten Wirtschaftsform, was die Steigerung der Produktivität anlangt, geführt hat, nämlich des Industriekapitalismus. Die Rechtsform der Lohnarbeit ermöglicht es dem Besitzer der Produktionsmittel, sich das Mehrprodukt der eigentlichen Produzenten anzueignen. Der sich stetig ausweitende Handel schafft den Markt und damit den Konkurrenzdruck, der den Unternehmer zwingt, den Großteil dieses Mehrprodukts in die Steigerung der Produktivität und die Ausweitung der Produktion zu investieren. Die Freiheit der Lohnarbeiter (im Gegensatz zu den an die Scholle gefesselten Leibeigenen) ermöglicht es, sie nach den Erfordernissen des Marktes von einem Produktionszweig in den anderen zu verschieben. Die Konkurrenz unter den Lohnarbeitern, ständig verschärft durch den Zustrom verarmter Bauern zur industriellen Reservearmee der Arbeitslosen, zwingt sie, ihre Arbeitskraft billigst zu verkaufen. Die auf Lohnarbeit beruhende Marktwirtschaft drängt also mehr als jede vorhergehende Wirtschaftsform dazu, die Überschüsse der Gesellschaft in die Erweiterung und Intensivierung der Produktion zu stecken. Der Konsum der Massen wird auf das überlebensnotwendige Minimum reduziert, aber auch der Konsum der Unternehmer wird in Grenzen gehalten, denn der Unternehmer, der zuviel von dem Mehrprodukt in Luxus investiert, wird von der Konkurrenz schnell überflügelt. Es wird produziert um des Produzierens willen.

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So erklärt sich das unglaubliche Tempo der Industrialisierung im 19. Jahrhundert nicht bloß aus der Fülle technischer Erfindungen, sondern in erster Linie aus der Struktur der Produktionsweise, die nach technischen Neuerungen geradezu giert.